Meldungen | Marktkommentar
09.05.2016

China und die vier großen Hürden

Der Aktienmarkt und der Immobilienmarkt sind unter anderem die Faktoren, die auf ein schwaches Wachstum in China hindeuten, meint Luke Spajic, Executive Vice President und Portfolio-Manager von Pimco in Singapur.

Luke Spajic, Fondsmanager Pimco

Luke Spajic, Fondsmanager Pimco

Foto: Pimco

Chinas volkswirtschaftliche Herausforderungen sind so dringlich wie nie zuvor – und unsere BIP-Prognose für das Land liegt mit 5,5 bis 6,5 Prozent unterhalb des Konsensus und auch unter Chinas eigenem Ziel von 6,5 Prozent. Unsere Schätzung bezieht die folgenden vier Wachstumshürden mit ein:

Verschuldungsgrad: Seit dem Jahr 2007 hat Chinas Wirtschaft mehr als 21 Billionen US-Dollar zusätzliche Schulden angehäuft – mehr als ein Drittel der Schulden der gesamten Welt. Allerdings ist der Wachstums-Beitrag, den jeder neue Schulden-Dollar generiert, rückläufig: Wenn das nominale BIP dieses Jahr in etwa so wächst, wie das die Regierung vorhersagt, dann muss China seine Schuldenquote um mindestens 15 Prozent erhöhen. Der Verschuldungsgrad würde also weiter steigen, doch die Fähigkeit, mit der Verschuldung neues Wachstum zu generieren, nimmt ab.

Notleidende Kredite (NPLs): Der offizielle NPL-Anteil betrug Ende 2015 1,4 Prozent. Wir glauben, dass diese Zahl in den kommenden drei bis fünf Jahren weiter ansteigen wird. Die internen Stress-Tests von PIMCO für Chinas Banken, die wir für unsere BIP-Basisprognose durchführen, legen nahe, dass das NPL-Verhältnis in der Spitze sogar sechs Prozent erreichen könnte. In einem von mehr Stress geprägten Szenario wäre sogar eine Rekapitalisierung des Bankensystems vonnöten, jedoch ist das ein Risiko, das wir vor allem langfristig sehen, weit über den Horizont von 2016 hinaus. Faule Kredite sind ein langfristiges Problem, das durchaus bekannt aber lösbar ist. Wir erwarten daher keine dramatische Kapitalspritze für das Bankensystem bis zum kommenden Jahr, glauben aber, dass das Problem die Übertragung politischer Maßnahmen auf die Realwirtschaft auch weiterhin hemmen wird.

Immobilienmarkt: Wir gehen davon aus, dass Immobilien-Investitionen weiter das Wachstum belasten werden. Grundsätzlich werden sich die Preise zum Jahresende wahrscheinlich im leicht positiven Bereich bewegen. Obwohl der Immobilienmarkt für Chinas politische Entscheider einen besonderen Stellenwert besitzt, und hier besonders für die People’s Bank of China (PBOC), bleibt er ein Grund zur Sorge, der kaum dazu taugt, kurzfristig ein Wachstumsmotor zu werden.

Aktienmarkt: Gemessen an der Marktkapitalisierung ist China der zweitgrößte Aktienmarkt der Welt. Nach dem Platzen der Blase im vergangenen Jahr waren politische Experimente und Interventionen am Aktienmarkt gescheitert und zudem hat die Regulierungs- und Aufsichtsbehörde, die „China Securities Regulatory Commission“, kürzlich eine neue Führung bekommen. Doch trotz dieser Unruhe ist davon auszugehen, dass chinesische Wertpapiere später im Jahr Eingang in den MSCI-Schwellenländer-Index (MSCI EM) finden werden. Von diesen vier Treibern verursacht der Immobilienmarkt (nach landläufiger Meinung) vielleicht die größten Sorgen. Nach unserer Auffassung ist es jedoch der Aktienmarkt, der am schwierigsten zu kontrollieren sein wird.

Auf Basis dieser Faktoren gelangen wir zu einer verhaltenen Einschätzung. Obwohl China noch immer politische Optionen hat, um das Wachstum anzukurbeln – wie etwa das Absenken der Leitzinsen und das Zurückfahren der Anforderungen an die Währungsreserven sowie steuerpolitische Instrumente – gibt es ein ernst zu nehmendes Risiko, dass sich der „Ertrag“ dieser politischen Maßnahmen, bezogen auf den Einsatz, verringern könnte. Und zwar unter anderem deshalb, weil die Währung nun die politischen Optionen einschränkt. China sieht sich einem „Trilemma“ gegenüber. Es steht vor der unlösbaren Aufgabe, drei Ziele zeitgleich erreichen zu müssen: einen stabilen oder fest definierten Wechselkurs, freien Kapitalverkehr und eine unabhängige Geldpolitik.