Meldungen | Marktkommentar
07.06.2017

Chancen fĂźr Anleger durch den Brexit

Die Experten des Bankhauses Krentschker analysieren die unmittelbaren Folgen der Brexit-Verhandlungen in den nächsten Jahren. Langfristig könnte sich Großbritannien durch Steueranreize auch Vorteile verschaffen.

Für Anleger bieten die zwei Jahre der voraussichtlich am 19. Juni 2017 beginnenden Brexit-Verhandlungen zwischen der EU und Großbritannien Chancen und Risiken. Risikobereite Investoren werden in dieser Zeit aufgrund der zu erwartenden Volatilität immer wieder interessante Veranlagungsmöglichkeiten am Aktien- und Rentenmarkt vorfinden, schreibt die Privatbank Krentschker in ihrer jüngsten Marktanalyse. Unterstützt wird diese Prognose durch das vorhandene Potenzial des britischen Pfund (GBP): Sollten die EU-27 und Großbritannien ein tiefes und umfassendes Freihandelsabkommen beschließen, kann man mit einer massiven Erholung des GBP rechnen. Nach der Brexit-Entscheidung im März gab das GBP gegenüber dem Euro um 8% stark nach und schwankt derzeit in einer Bandbreite von rund 5% seitwärts, aktuell bei minus 4%.

Wirtschaft bislang ohne größere Brexit-Auswirkungen

Entgegen den bisherigen Erwartungen und Unkenrufen konnte Großbritannien im Jahr 2016 ein beeindruckendes BIP-Wachstum von 2 % erzielen. Zahlreiche Ökonomen rechnen jedoch damit, dass das BIP-Wachstum 2017 und 2018 vom Brexit stärker belastet werden wird. Je nach Studie wird ein jährlicher BIP-Rückgang von 1% bis 6% erwartet. Laut OECD belaufen sich die Austrittskosten pro britischem Haushalt auf rund 2.900 Euro.

Die Ursachen sind vielfältig: So wird erwartet, dass die Unsicherheit über den Ausgang der Brexit-Verhandlungen den Inlandskonsum belasten und zur Verschiebung von Anschaffungen führen wird. Dazu kommt eine steigende Inflation, die von März bis April 2017 von 2,3 % auf 2,6% geklettert ist: Das geschwächte britische Pfund hat Importgüter, etwa im Bereich Lebensmittel, bereits deutlich verteuert und somit Kaufkraft entzogen. Investitionen werden aufgeschoben, Betriebsstätten und Arbeitsplätzen droht ein Exodus in die Länder der EU-27.

Autobranche, Luftfahrtindustrie, Finanzsektor

Betroffen von einer Abwanderung wird mit großer Wahrscheinlichkeit aufgrund künftiger Zölle samt administrativem Aufwand die Autoindustrie sein. Derzeit werden von der Produktion rund 50% in die EU-27 exportiert, und die dort anstehenden Investitionsentscheidungen gefährden in drei bis fünf Jahren 170.000 Jobs. Auch die britische Luftfahrtindustrie, die nach der US-amerikanischen die zweitgrößte der Welt ist und vor allem Airbus und Boeing beliefert, wird vom Brexit tangiert werden, so unsere Prognose. Rascher als die Industrie wird der Finanzsektor mit Standortveränderungen reagieren: Die City of London als derzeit wichtigster Devisenmarkt der Welt wird an Bedeutung verlieren. EU-Regulierungsbehörden, wie die EBA (Europäische Bankenaufsichtsbehörde) oder die EMA (Europäische Arzneimittelagentur), werden in die EU-27 abwandern. 

Wirtschaftliche Verflechtungen zwischen GB und Deutschland 

Wie sehr jedoch der Brexit umgekehrt fühlbare Auswirkungen auf den Handel von Waren und Dienstleistungen in den EU-27 haben wird, zeigt sich anschaulich an Deutschland (Daten 2016, Bundesministerium für Wirtschaft und Energie): 

Großbritannien ist für Deutschland mit einem Handelsvolumen von rund 122 Mrd. Euro der fünftwichtigste Handelspartner. Mit einem Exportanteil von 86 Mrd. Euro ist Großbritannien drittwichtigster Exportmarkt. Die umsatzstärksten Exportgüter sind KFZ und KFZ-Teile, Maschinen, pharmazeutische und ähnliche Erzeugnisse, Datenverarbeitungsgeräte, elektrische und optische sowie chemische Erzeugnisse.

Die britischen Importe nach Deutschland betragen rund 36 Mrd. Euro. Insbesondere um KFZ und KFZ-Teile, chemische Erzeugnisse, Datenverarbeitungsgeräte sowie elektrische und optische Erzeugnisse werden importiert. 

In Großbritannien sind rund 2.000 deutsche Unternehmen mit ca. 420.000 Mitarbeitern tätig, etwa Siemens, Bosch, BMW, VW, RWE, E.ON, Deutsche Telekom, Deutsche Post, Linde und Heidelberg Zement. In Deutschland haben sich ca. 1.300 britische Unternehmen mit mehr als 220.000 Mitarbeitern angesiedelt, zum Beispiel BP, Shell, GKN, Rolls Royce Deutschland. Dass deutsche Unternehmen ein starkes Interesse an einem künftigen Handelsabkommen zwischen der EU-27 und GB haben, liegt somit auf der Hand.  

Brexit-Positionen

Dem Zustandekommen eines Abkommens werden jedoch ein zähes Ringen und vor allem der Streit ums Geld vorangehen. Die EU fordert von Großbritannien 60 bis 100 Mrd. Euro für den Austritt und will damit die durch den Brexit entstehende EU-Haushaltslücke, etwa für Pensionszahlungen oder laufende Programme, schließen. Die Positionen für die Brexit-Verhandlungen sind auf beiden Seiten fixiert:

§   Die EU möchte im ersten Schritt die „Trennung“, und erst im zweiten Schritt die künftigen Beziehungen in Form eines tiefen Handelsabkommens mit GB verhandeln.

§   Großbritannien möchte beides gemeinsam verhandeln und setzt auf ein gleichzeitiges Inkrafttreten des Brexits und eines Abkommens.

Aufgrund der diametralen Verhandlungspositionen ist auch ein harter Brexit mit Austritt aus dem EU-Binnenmarkt sowie der -Zollunion vorstellbar. 

Großbritannien künftig ein Steuerparadies?

Darüber hinaus steht im Raum, dass Großbritannien der EU auch einen Steuerwettbewerb – etwa durch die Senkung der Körperschaftssteuer – liefern könnte, um die Wettbewerbsfähigkeit der eigenen Wirtschaft mittels Fiskalpolitik zu stützen. Schon jetzt sind die Unternehmenssteuern in Großbritannien attraktiv: So betrug im Jahr 2016 die Abgabenquote bei den Arbeitskosten (total tax wedge) gemäß OECD in GB 30,8 %, während sie in Deutschland bei 49,4 % und in Österreich bei 47,1 % lag. Die Körperschaftssteuer beläuft sich in Großbritannien auf 19 %. Im Vergleich: In Österreich beträgt sie 25 %. Mit einer Staatsverschuldung von rund 89% des BIP hat Großbritannien zwar einen gewissen Spielraum für steuerliche Anreize. Das Rating wurde jedoch anlässlich des Brexit-Entscheid von Standard & Poor's (S&P) von zuvor AAA auf AA mit unverändertem Ausblick negativ herabgestuft. Fiskalpolitische Wirtschaftsanreize samt Ausweitung der Staatsverschuldung würden eine Verschlechterung des aktuellen Ratings bedingen und die Staatsrefinanzierungskosten erhöhen.