Meldungen | Anleihen, Marktkommentar
10.01.2017

Anschnallen bitte!

Anstatt sich im neuen Jahr aus dem Markt zurückzuziehen, sollten Anleger einen Blick auf europäische Unternehmensanleihen werfen, meint Jørgen Kjærsgaard, Manager des AB European Income Portfolios. Sie könnten sich als Stabilitätsanker in einer unsicheren Welt erweisen.

Jørgen Kjærsgaard, Fondsmanager AB

Jørgen Kjærsgaard, Fondsmanager AB

Foto: AB

Das Jahr 2016 glich in weiten Teilen einer Achterbahnfahrt. Die Anleger wurden durch enorme politische Schocks wie die Wahl Donald Trumps zum US-Präsidenten und das Brexit-Referendum gehörig durchgeschüttelt. Letztendlich erwiesen sich die Turbulenzen an den Finanzmärkten jedoch als relativ kurzlebig. Doch unterhalb der Oberfläche lauern erhebliche Unsicherheiten, die durchaus das Potenzial für einen erneuten Anstieg der Volatilität bergen. Vor diesem Hintergrund präsentieren sich die europäischen Unternehmensanleihen fast schon als ein Fels in der Brandung für 2017. Was auch geschehen mag, europäische Zinstitel dürften von drei schwerwiegenden Faktoren profitieren: einer weiterhin expansiven Geldpolitik, einer soliden Anlegernachfrage bei limitiertem Anleihenangebot sowie der relativen Schuldenaversion europäischer Unternehmen.

EZB: Netz und doppelter Boden

Die EZB ist weiterhin wild entschlossen, die Zinsen auch langfristig niedrig zu halten, und verfolgt weiter ihr QE-(Quantitative-Easing-)Kaufprogramm. Ab April wird sich der Umfang der monatlichen Aufkäufe von Staats- und Unternehmensanleihen sowie Pfandbriefen leicht verringern. Doch den Zeitrahmen hat die EZB bereits um zusätzliche neun Monate verlängert, mithin bis mindestens Dezember 2017. Hinzu kommt, dass die Europäische Zentralbank nunmehr auch Kurzläufer und negativ rentierende Titel bei ihren monatlichen Einkaufstouren berücksichtigt, da sie ansonsten kaum genügend Kaufkandidaten finden kann. Das EZB-QE-Programm bleibt also ein entscheidendes Sicherheitsnetz für Europas Anleihenmärkte für das gesamte Jahr 2017. Die Notenbank zieht dadurch einen Boden unter Kurse und Renditen der europäischen Anleihen ein.

Emissionstätigkeit ist gedämpft

Das Angebot-Nachfrage-Verhältnis ist ein weiterer positiver Faktor. Der weit überwiegende Teil der Schuldenaufnahme europäischer Unternehmen findet weiterhin über Bankkredite statt, während in den USA Anleihen dominieren. Zwar ist die Anleihenemissionstätigkeit europäischer Unternehmen ebenfalls angewachsen, jedoch wird dies durch die steigende Nachfrage der Käuferseite angesichts magerer Renditen für Staatstitel mehr als ausgeglichen. Im neuen Jahr sollte die Nachfrage durch die hohen (und volatilen) Kosten der Währungsabsicherung zusätzlich befeuert werden. Euro-basierte Anleger, die ihr Fremdwährungsrisiko absichern wollen, müssen dafür insbesondere bei Dollar-Anleihen mittlerweile erhebliche Ertragseinbussen hinnehmen. Das teure Hedging dürfte die Nachfrage nach Euro-Anleihen also zusätzlich stimulieren.

Europas Schuldner sind sparsam

Ein erheblicher Teil des neuen Anleihenangebots am europäischen Markt besteht aus Refinanzierungen existierender Schulden, wodurch die Unternehmen langfristige Liquidität zu günstigen Konditionen einkaufen. Das zeigt, wie umsichtig europäische Unternehmen ihre Bilanzen verwalten. Sie sind keineswegs im Verschuldungsrausch, im Gegenteil: zahlreiche Unternehmen bauen sogar aktiv Verbindlichkeiten ab. Ebenfalls positiv ist, dass sie weitgehend darauf verzichten, durch Schuldenneuaufnahme für Übernahmen oder Aktienrückkäufe zu bezahlen, was zwar den Aktionären zugutekäme, den Anleiheneignern jedoch zusätzliche Risiken aufbürden würde. In den USA hingegen ist derlei Zurückhaltung nicht zu beobachten. Diese Diskrepanz zeigt, dass der Kreditzyklus in den USA weiter fortgeschritten ist als in Europa. Dies darf also als ein weiterer relativer Pluspunkt für Europa-Anleihenmärkte verbucht werden, denn dadurch dürften die Zahlungsausfallquoten für Unternehmensanleihen niedrig und unterhalb des US-amerikanischen Niveaus bleiben.

Der politische Kalender

Der europäische politische Kalender für 2017 weist fraglos zahlreiche Stolperfallen auf. Wichtige Wahlen in Frankreich und Deutschland sowie anhaltende Unsicherheiten rund um den Brexit gehören dazu. Diese Herausforderungen können durchaus zu erneuten Volatilitätssprüngen führen. Doch es ist wichtig sich bewusst zu machen, dass die EZB jederzeit auf kurzfristige Turbulenzen reagieren kann, indem sie etwa Umfang und Zusammensetzung ihrer QE-Transaktionen adjustiert, falls aufkommende Probleme diese Massnahmen nötig machen.