Meldungen | Volkswirtschaft
26.02.2021

Alliance Bernstein: Kostspieliges Konjunkturwachstum?

Die Geldmenge verzeichnet derzeit das schnellste Wachstum seit den 1980er Jahren, mahnt Darren Williams, Chefvolkswirt beim Asset Manager Alliance Bernstein. Er zeigt auf, worauf Anleger jetzt achten müssen.

Darren Williams, Alliance Bernstein

Darren Williams, Alliance Bernstein

Alliance Bernstein

Die Weltwirtschaft scheint sich allmählich zu erholen, obwohl die Virus-Situation weiterhin für böse Überraschungen sorgen könnte. Und es besteht noch ein weiteres bedeutendes Risiko: Inflation. „Die Güternachfrage steigt bei eingeschränktem Angebot, wir sehen das schnellste Wachstum der Geldmenge seit den 1980er Jahren und akzeptieren zunehmend, dass steuerpolitische Maßnahmen durch die Geldpolitik finanziert werden,“ gibt Darren Williams, Chefvolkswirt beim Asset Manager Alliance Bernstein, zu bedenken. Was der Chefökonom für die Märkte erwartet:

Der Fortschritt bei der Impfung gegen COVID-19 sowie das Zusammenspiel von expansiver Geldpolitik und steuerpolitischen Stützmaßnahmen könnten dazu führen, dass sich das globale Wirtschaftswachstum stark beschleunigt – vor allem wenn Verbraucher nicht mehr zu Sparverhalten gezwungen sind. Wenn die wirtschaftliche Erholung allmählich einsetzt, könnte jedoch der Konsens der großen entwickelten Volkswirtschaften im Hinblick auf niedrige Anleiherenditen bröckeln. Während die Europäische Zentralbank (EZB) und die Bank of Japan (BOJ) sich auf die eine oder andere Weise zur Steuerung der Zinskurve verpflichtet haben, könnte sich die Federal Reserve (Fed) angesichts steuerpolitischer Stimuli veranlasst sehen, ihre eigene Unterstützung für die Wirtschaft wieder zu reduzieren.

USA: Wachstum jetzt – auf Kosten von übermorgen

2021 wird die Wirtschaft der USA von bedeutenden steuerpolitischen Stützmaßnahmen profitieren und wir erwarten, dass sich das Wachstum des Bruttoinlandsprodukts (BIP) in diesem Jahr auf ungefähr 6,5 Prozent belaufen wird – mehr als das Dreifache der konstanten Wachstumsrate. Trotz des Wachstums dürfte die Inflation nur geringfügig ansteigen, da zwischen dem aktuellen Niveau und dem Potenzial der Wirtschaft eine große Lücke klafft. Entsprechend rechnen wir in diesem Jahr nicht mit Zinsanhebungen und gehen davon aus, dass die Fed ihre quantitative Lockerung unvermindert fortsetzt.

Doch es gibt auch einige Risiken: Diskussionen um eine mögliche Verlangsamung der Anleihekäufe im Rahmen der quantitativen Lockerung könnten sich vor allem später in diesem Jahr aufheizen und Marktschwankungen verursachen. Auch sind die Bewertungen in vielen Assetklassen bereits hoch – und könnten angesichts eines starken Finanzmarktes noch weiter steigen. Eine große Gefahr ist zudem langfristiger Natur: Der kräftige Cocktail aus Ersparnissen der Haushalte, anhaltender steuerpolitischer Unterstützung und akkommodierender Geldpolitik sorgt zwar 2021 und 2022 für Partystimmung an den Märkten und in der Wirtschaft, doch der darauffolgende Kater aus steigender Staatsverschuldung und ihren Folgen dürfte in einigen Jahren die Laune vermiesen.

Eurozone: Vom Vorkrisentrend weit entfernt

Nachdem das BIP der Eurozone 2020 um 6,8 Prozent gesunken war, erwarten wir in diesem Jahr nur eine teilweise Erholung mit einem Anstieg des BIP um 3,5 Prozent – ein Wert, der vom Vorkrisentrend noch weit entfernt ist. Angesichts der schwachen kurzfristigen Wachstumsaussichten, ausbleibender Inflation und der Notwendigkeit von steuerpolitischen Maßnahmen bleiben die Geldpolitik weiterhin sehr akkommodierend und die finanziellen Bedingungen extrem locker. Zwar überraschte die Inflation im Januar in Form eines Anstiegs. Dennoch sind wir skeptisch, ob dies einen Aufwärtstrend einläutet: Die Bedingungen für eine Inflationszunahme sind in Europa noch nicht gegeben – stattdessen ergab sich diese aus Faktoren wie der Wiederanhebung der Mehrwertsteuer in Deutschland, verzögerten saisonalen Verkäufen, neuen Kraftstoffsteuern und neuen Index-Gewichtungen.

Großbritannien: Kräftige Erholung

Nach einem schwierigen Start ins Jahr erwarten wir für Großbritannien eine kräftige Erholung: Nach dem extremen Rückgang in 2020 rechnen wir dieses Jahr mit einem Wachstum von 3,5 Prozent und sogar 8,5 Prozent 2022. Denn: Zum einen dürfte die Herdenimmunität schnell erreicht werden und zum anderen sind die Bilanzen der privaten Haushalte in einem weitaus besseren Zustand als noch vor einem Jahr. Gleichzeitig bietet die Klarheit über die zukünftigen Handelsbeziehungen mit der Europäischen Union eine solidere Basis für Unternehmensinvestitionen.

China: solides BIP-Wachstum und Aufwertung des Yuan

Chinas Volkswirtschaft hat das Jahr 2020 relativ gut beendet und dürfte auch 2021 ein vernünftiges Wachstumstempo einlegen, da das Land das Virus unter Kontrolle hat und im Laufe des Jahres rasch Impfungen eingeführt werden. Ungeachtet möglicher Volatilität aufgrund der Einschränkungen im Zusammenhang mit dem chinesischen Neujahr in den nächsten Monaten dürfte das BIP-Wachstum relativ stabil bleiben und auf das Jahr gerechnet zwischen 8 und 9 Prozent betragen. Damit hat die Politik die Möglichkeit, andere ‚Stabilitätsziele‘ in Angriff zu nehmen, etwa die Gesamtverschuldung im System oder die spekulativen Exzesse an den Immobilien- und Aktienmärkten. Auch die Internationalisierung des Renminbi wird in diesem Jahr für Aufmerksamkeit sorgen. Eine moderate, aber nachhaltige Aufwertung der Währung ist dabei eines der Ziele. Dementsprechend erwarten wir 2021 eine weitere Aufwertung des Yuan.