Meldungen | Marktkommentar
28.05.2019

20 Jahre Euro: Eine Währung auf wackeligem Fundament

Alastair Irvine, Produktspezialist im Independent Funds-Team bei Jupiter Asset Management, über die Zukunft des Euro und die weitere politische Integration in der Euro-Zone, die durch die Europa-Wahl nicht wahrscheinlicher geworden ist.

Alastair Irvine, Produktspezialist Jupiter AM

Alastair Irvine, Produktspezialist Jupiter AM

Foto: Jupiter

Zwanzig Jahre nach seiner Einführung als Buchgeld ist der Euro nach wie vor chronisch anfällig für externe und interne existenzielle Bedrohungen. Das langfristige Überleben des asymmetrischen und halbfertigen politischen Projekts Eurozone hängt letztlich von der Fähigkeit der 19 Euro-Länder ab, eine stärkere Steuer- und Währungsharmonisierung zu erreichen, gestützt durch eine tiefergehende politische Union.

Ein 20-jähriges Jubiläum ist sicherlich ein Meilenstein. Der Euro hat dies geschafft, wenn auch ohne großes Trara. In den Euro-Ländern läuft bis heute eine erbitterte Debatte darüber, ob die Währung den Wohlstand in der Eurozone angekurbelt oder das Wachstum der schwächeren Volkswirtschaften behindert hat. Genau diese Frage stellt den Kern eines Problems dar, das letztendlich zum Fall des Euros führen könnte: Wenn eine Währung versucht, allem und jedem gerecht zu werden, sorgt das zwangsläufig für Instabilität. Der Euro ist eine Währung für 19 Länder, denen es an gemeinsamen Merkmalen fehlt – ob aus sozialer, struktureller, politischer oder fiskalischer Sicht. Daher ist der Euro an sich nur ein stumpfes Instrument.

Mittel zum politischen Zweck

Tatsächlich sollte der Euro als einzelne Währung nicht nur als Selbstzweck angesehen werden. Stattdessen existiert er als Mittel zu einem politischen Zweck. Denn das Wirtschaftsprojekt hat immer die zweite Geige hinter dem politischen Imperativ gespielt, aber dennoch sind beide untrennbar miteinander verbunden. Damit der Euro auch in den nächsten 20 Jahren noch existiert, muss der einzig logische und rationale nächste Schritt darin bestehen, das Projekt durch die Schaffung eines einheitlichen, ausgewogenen Wirtschaftssystems abzuschließen. Dafür benötigt es eine einheitlich ausgerichtete und angewendete Geld- und Finanzpolitik in der gesamten Eurozone.

Damit die Steuerunion erfolgreich funktionieren kann, muss die politische Union ihr Rückgrat sein. Denn die Besteuerung ohne Repräsentation sorgt grundsätzlich für Instabilität und ist meiner Meinung nach zutiefst undemokratisch. Zumindest erfordert die Steuerunion eine Harmonisierung der Steuern, ein gemeinsames Haushaltsbudget, eine einheitliche Sozialpolitik und gemeinschaftliche Finanzstrukturen. Im Wesentlichen werden also all diese Komponenten in die Merkmale und Strukturen eines einzelnen Nationalstaates integriert. Natürlich wäre dafür eine grundlegende gesamteuropäische Wahl- und Regierungsreform erforderlich, was wiederum unvermeidlich zur Stärkung gebündelter Souveränität führen würde.

Europäische Einigung als Herkulesaufgabe

Das ganze Ausmaß dieser bevorstehenden Aufgabe ist jedem bewusst. Man erinnere sich nur daran, wie schwierig der EU-Austritt für Großbritannien – als einzelnes Land – bisher gewesen ist. Es verdeutlicht, wie mühsam die Verhandlungen unter den verbleibenden 27 EU-Mitgliedstaaten sein würden, um genau das Gegenteil zu erreichen, sprich den gemeinsamen Integrationsprozess abzuschließen. Politischer Wille sowie die Fähigkeit, die nationale Wählerschaft zu repräsentieren, sind hier erfolgsentscheidend. Denn nichts ist jemals einfach, wenn nationale Interessen aufeinandertreffen.

Es ist dieses schwache Fundament, auf dem der Euro aufgebaut wurde, das uns wenig Anlass gibt, den 20. Jahrestag der gemeinsamen Währung zu feiern. Wäre man optimistischer, könnte man sagen, dass der Euro nach dem US-Dollar zur zweithäufigsten gehandelten Währung weltweit geworden ist. Für die nicht der EU angehörenden Handelsnationen macht die einheitliche Währung den Handel mit Waren und Dienstleistungen der 19 Eurozone-Mitglieder wesentlich einfacher. Während dies zweifellos ein Vorteil für beide Seiten ist, bedeutet es gleichzeitig, dass die Stärke oder Schwäche der Währung von den Wirtschaftsbedingungen innerhalb der EU abhängig ist. Die deutsche Wirtschaft hatte bisher eine so starke Position, dass sie den Euro auf Kosten anderer Eurozone-Länder unverhältnismäßig stark beeinflusst hat. Der Euro ist schwächer als die von ihm abgelöste Deutsche Mark und diese Situation hat Deutschland einen unfairen Wettbewerbsvorteil verschafft, der einen exportgetriebenen Wirtschaftsboom zur Folge hatte.

Gleichzeitig ist der Euro stärker als einige der früheren Währungen – von der Drachme über die Peseta bis hin zur Lira – die von den Staaten der südlichen Eurozone in der Vergangenheit verwendet wurden. Angesichts der schwächeren Wirtschaftsleistung dieser Länder wären diese Währungen unter normalen Umständen wahrscheinlich abgewertet worden. Diese Volkswirtschaften wurden durch die Stärke des Euro relativ zu ihren eigenen Positionen stark geschwächt. Aufgrund dessen, dass sie ihre nationalen Währungen aufgegeben haben, gibt es auch kein Sicherheitsventil mehr, welches normalerweise automatisch die Handelsungleichgewichte eines Landes reguliert. Die langfristig mangelnde Wettbewerbsfähigkeit hat eine lähmende Wirkung, die zu einem relativen Konjunkturrückgang und erheblichen sozialen Problemen geführt hat, darunter auch Massenarbeitslosigkeit – insbesondere unter Jugendlichen.

Profiteure und Verlierer des Euro

Das hatte wiederum deutlich sichtbare politische Folgen, mit zunehmend polarisierenden Ansichten über die Eurozone und die gesamte EU hinweg. Mit dem Anstieg wirtschaftlicher und politischer Spannungen entstand auch die Erwartungshaltung, dass die wirtschaftlich stärkeren Staaten im Norden Europas – insbesondere Deutschland mit seinen starken Leistungsbilanzüberschüssen aufgrund seines Wettbewerbsvorteils – die schwächeren südlichen und östlichen Volkswirtschaften effektiv subventionieren. Auch das hat politische Konsequenzen und schafft weitere Spannungen. Ein Paradebeispiel dafür ist die Griechenlandkrise, die beinahe das gesamte Euro-Kartenhaus zu Fall gebracht hat.

Man kann mit relativer Sicherheit sagen, dass die Gründerväter Europas nie die bewusste Absicht hatten, ein asymmetrisches Wirtschaftssystem zu schaffen, das Geld- und Finanzpolitik völlig aus der Bahn bringt, und es dabei zu belassen. Es hätte keinen Sinn ergeben, ein von Anfang an inhärentes, dauerhaft instabiles System aufzubauen. Es stellt sich also die Frage, ob die politische Union der Währungsunion hätte vorausgehen sollen. Es bleibt ein Streitpunkt und eine fruchtlose Diskussion über unumkehrbare Tatsachen – ob es uns gefällt oder nicht. In der gesamten EU werden grundlegende politische und ideologische Debatten über das Tempo und die Tiefe der künftigen Integration geführt. Denn sie entscheiden letztendlich darüber, ob das europäische Projekt den Ambitionen seiner Gründer gerecht wird oder ob es anfängt zu bröckeln und zerfällt.