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20.08.2014

SmartBeta: Den Index aufhübschen

Eine neue Generation von Exchange Traded Funds tritt immer häufiger an den Finanzmärkten auf. Diese Fonds bilden Indizes nicht nur ab, sondern korrigieren die Schwächen der herkömmlichen Börsenbarometer. Was diese alternative Fondsklasse leisten kann erfahren Sie im folgenden Interview mit Martin Weithofer,  Managing Director & Head of Smart Beta bei Deutsche Asset & Wealth Management (DeAWM).

von Wolfgang Regner

Martin Weithofer

Martin Weithofer

Herr Weithofer, der Begriff Smart Beta wird teils unterschiedlich gebraucht. Was verbirgt sich dahinter und welches Anlageuniversum wird durch diese neue Fondsklasse abgedeckt?

 

Martin Weithofer: Der Begriff bezeichnet Indexstrategien, die sich von den üblicherweise eingesetzten „traditionellen“ marktkapitalisierungsgewichteten Strategien (Beispiel S&P 500, MSCI World, DAX) unterscheiden. Denn bei diesen bekannten Indizes erfolgt die Berechnung der Gewichtung eines Aktientitels durch Multiplikation der Anzahl der jeweiligen Aktie mit dem Freefloat, also der Anzahl der als Streubesitz frei handelbaren Aktien, mit dem aktuellen Kurs. Die Idee bei den Smart Beta Funds ist jedoch, dass die Gewichtung nach dem Börsenwert vergangenheitsorientiert ist, da dabei gewissermaßen die „Gewinner der Vergangenheit“ hoch gewichtet werden, die ihre Aufstiegsphase schon hinter sich haben. Die jungen, aber noch kleinen Newcomer werden dagegen kaum nennenswert gewichtet. Anhand einer Auswahl aus dem schon wieder recht umfangreichen Angebot an SmartBeta-Produkten lassen sich einige besonders interessante Strategien herausfiltern.

 

 

Was wird in der Finanzwelt mit „Beta“ bezeichnet?

 

M.W.: Der griechische Buchstabe Beta steht für das Gesamtmarktrisiko eines Investments. Das ist jener Teil des Gesamtrisikos einer Wertpapieranlage, der auch durch beste Diversifikation nicht eliminiert werden kann. Je höher das Beta, desto höher auch das Marktrisiko z.B. eines Fonds oder einer Aktie. SmartBeta-Lösungen streben meist danach, einen Teil des Marktrisikos aus den Produkten herauszunehmen, das Beta also zu reduzieren. Und da gibt es eine ganze Reihe alternativer Ansätze.

 

 

Welche Bereiche des Anlageuniversums lassen sich dadurch abdecken?

 

M.W.: Die fundamentale Idee hinter dem Smart-Beta-Ansatz ist das Ziel, wesentliche Vorteile von aktiv und passiv gemanagten Portfolios zu kombinieren: Flexibilität und Möglichkeit der Outperformance von der aktiven Seite, sowie Transparenz und Kosteneffizienz von der passiven Seite. Dabei lassen sich Smart-Beta-Strategien in zwei große Felder einteilen. Erstens in einen Bereich mit Aktienfokus, in dem mit einem systematischen Anlageprozess die weltweit bekannten globalen Benchmarks neu definiert werden sollen. So lassen sich etwa ein globales Portfolio, ein Anlageuniversum, sowie bestimmte Benchmarkkriterien festlegen, nach denen ein Smart-Beta-Portfolio gemanagt wird. Zum Beispiel wäre dies ein Ansatz, der nur Aktien ins Portfolio aufnimmt, die bestimmte Qualitätskriterien erfüllen, oder ein anderer, der Value-Aktien übergewichtet, die rein passiv, nach quantitativen Kriterien ausgewählt werden. Produktentwickler von Smart-Beta-Fonds müssen dabei gleich mehrere Aufgaben erfüllen: Sie müssen Renditefaktoren identifizieren, systematisieren und investierbar machen. Ein verwandter Ansatz wäre, systematisch aktiv gemanagte Portfolios mit passiven Kriterien nachzubilden, also systematisches Alpha zu generieren. Diese Variante wird von DeAWM allerdings nicht angeboten.

 

 

Und das zweite von Ihnen erwähnte Feld?

 

M.W.: Das zweite große Feld besteht aus fundamentalen Investmentprozessen, die z.B. makro-ökonomische Faktoren investierbar machen. So haben wir festgestellt, dass etwa Faktoren wie BIP-Wachstum, Währungsreserven, Verschuldung oder die Zinsentwicklung, besonders bei den Emerging Markets einen signifikanten Einfluss auf die Performance ausüben. Eine weitere Idee ist das Prinzip der Gleichgewichtung. Ein nach dem Kriterium der Marktkapitalisierung gewichteter Index richtet den Blick in den Rückspiegel der Finanzmärkte. Kleine Unternehmen, die in der Vergangenheit groß geworden sind, werden mit hohem Indexgewicht belohnt. Doch was passiert mit den aktuell noch kleinen Unternehmen? Sie haben kaum einen Einfluss auf den Index. Eine alternative Gewichtung eines Aktienindex kann also Sinn machen. Dies kann umgesetzt werden, indem man alle Indexunternehmen gleich gewichtet und durch regelmäßiges Rebalancing sicherstellt, dass einzelne Unternehmen oder Branchen keinen zu großen Einfluss auf die Indexentwicklung haben können – wie beim db x-trackers S&P 500 Equal Weight ETF. Denn wenn man sich auf die Unternehmen konzentriert, die ohnehin schon groß geworden sind, ist die Chance eher gering, dass diese Aktien eine weiterhin starke Performance zeigen. Oder man konzentriert sich gleich ausschließlich auf Small Caps – unser ETF auf den MSCI Europe Small Cap Index ist ein nach Marktkapitalisierung gewichteter, aber auf die kleinen Unternehmen fokussierter Fonds.

 

 

Bisweilen verbergen sich hinter Smart Beta-Produkten marktneutrale Fonds. Was bedeutet das?

 

M.W.: Eine andere Möglichkeit, einen Smart-Beta-Fonds zu konstruieren, ist zum Beispiel der DB Platinum Equity Risk Premia. Dabei handelt es sich um ein marktneutrales Konzept, das nach bestimmten Aktienfaktoren ein Portfolio bestückt, um die nach diesen Faktoren ermöglichte Überrendite zu isolieren. Dabei handelt es sich um  Kriterien wie Value, Qualitäts-Aktien, Low Volatility, Small Caps und Aktien mit hohem Kursmomentum. Der DB Platinum IV Equity Risk Premia verhält sich weitgehend marktneutral. Das bedeutet, dass der Fonds beabsichtigt, für eine positive Wertentwicklung ausschließlich diese Risikoprämien zu extrahieren und nicht auf steigende Aktienmärkte angewiesen ist.

 

 

Daneben gibt es Fonds, die eigentlich nicht genau als Smart-Beta-Fonds bezeichnet werden können…

 

M.W.: Ja, dazu zählen Produkte, die einen Analysten-Research-basierten Investmentprozess verwenden, wie z.B. der DB Platinum CROCI Sectors Fund. CROCI bedeutet dabei Cash Return on Capital Invested. und ist eine Bewertungsmethode der Deutschen Bank, bei der die fundamentale Datenbasis angepasst wird. Bei CROCI werten 60 Analysten die Daten von mehr als 800 Unternehmen aus und schaffen damit die Basis für den CROCI-Investmentprozess. CROCI ermöglicht den Vergleich von Unternehmen über Branchen und Regionen hinweg auf einer einheitlichen Grundlage, indem bei den Jahresabschlüssen von Unternehmen bestimmte Bereinigungen vorgenommen werden. Das Ziel ist es, Aktien auf Basis ihrer niedrigsten wirtschaftlichen Bewertung und damit aufgrund ihres Kurssteigerungspotentials auszuwählen. Titel mit hoher Bewertung, die sich tendenziell eher schwächer entwickeln könnten, werden vermieden. Werte, die nach der CROCI-Analyse Wachstumspotential besitzen, dagegen bevorzugt. Beim CROCI Sectors Fund besteht ein zusätzlicher Faktor darin, dass nur die nach CROCI attraktivsten Sektoren ausgewählt werden.

 

 

Wie haben sich die nach der Volatilität gewichteten Smart Beta Funds bewährt?

 

M.W.: Besonders die Minimum Volatility Produkte haben in der Finanzkrise überzeugende Ergebnisse geliefert. Denn auch nach der Volatilität der Aktien lässt sich ein Index alternativ gewichten. Aktien mit hoher Vola werden weniger berücksichtigt (= Minimum Volatility). Dazu kommen noch Produkte die gegen Währungs- oder gegen Zinsrisiken abgesichert sind. Wichtig dabei ist: Bei allen SmartBeta-Fonds handelt es sich nach wie vor um passiv gemanagte ETFs. Dabei kommen nur alternative Gewichtungsstrategien zum Einsatz. Subjektive Einschätzungen eines Fondsmanagers haben keinen Einfluss auf die Zusammenstellung des Fondsportfolios. Gemeinsames Merkmal aller Smart-Beta-Strategien ist, dass sie transparent, kontinuierlich und auf Regeln beruhend angewendet werden. Die Anbieter unterscheiden sich jedoch darin, wie stark sie von dem zugrunde liegenden Index abweichen.

 

 

Und was bringt’s?

 

M.W.: Rückrechnungen und vor allem auch erste Ergebnisse der SmartBeta-Funds zeigen ein durchaus positives Bild. So schaffte der von db X-trackers aufgelegte S&P 500 Equal Weight seit Januar 2012 ein Plus von annähernd 53 Prozent – der traditionelle S&P 500 bringt es nur auf 48 Prozent (per 30.6.2014). Minimum Volatility Produkte haben gezeigt, dass sie in Aufschwungphasen rund 90 Prozent der positiven Performance mitnehmen können, in Abschwungphasen aber nur gut 60 Prozent der negativen Performence. Gleichgewichtete Smart-Beta-Fonds können langfristig in Aufschwungphasen besser abschneiden als traditionelle ETFs, da sie die Kurschancen der noch günstigen kleineren Titel nutzen. Allerdings: Wichtig ist dabei zu verstehen, dass SmartBeta-Indizes keine Überrendite gegenüber klassischen Indizes versprechen, denn dies würde höhere Risiken bedeuten. Aber sie können eine Entwicklung mit geringerer Schwankungsbreite oder eine deutlich geringere Abhängigkeit von der Entwicklung traditioneller Anlageklassen (geringere Korrelation) bieten.