Kommentare & Expertenmeinungen | Aktien, Nachhaltigkeit
23.09.2021

„Grüner Wasserstoff ist ein vielseitiges Element.“

Aanand Venkatramanan, Leiter ETF-Investmentstrategien bei Legal & General Investment Management, geht auf die jüngsten Entwicklungen bei Wasserstoffaktien ein. Sie verloren seit Jahresanfang ein gutes Stück an Wert. Venkatramanan hält dies für eine wenig überraschende Entwicklung innerhalb eines jungen, aber langfristigen, Wachstumstrends, dem er noch reichlich Potential einräumt.

Aanand Venkatramanan, LGIM

Aanand Venkatramanan, LGIM

LGIM

FONDS exklusiv: Herr Venkatramanan, weshalb ist die Verwendung von Wasserstoff derart interessant?
 

Aanand Venkatramanan: Grüner Wasserstoff ist ein vielseitiges Element, das Verwendung in der Industrie finden könnte, als alternative Energiequelle für ein breites Spektrum an Branchen und auch für den Antrieb von Fahrzeugen. Die kurzfristige Nachfrage nach Wasserstoff wird vermutlich aus zwei Schlüsselbereichen kommen: Erstens von Industrien wie der Düngemittelherstellung, der Stahlerzeugung und der Raffinerie, die bereits auf Wasserstoff angewiesen sind, aber aufgrund ihres Verbrauchs von grauem Wasserstoff eine hohe CO2-Bilanz ausweisen. Zweitens: Mobilitätsanwendungen für die Industrie und für große Distanzen, etwa Schwerlastkraftwagen, Gabelstapler, Bergbau-LKW und möglicherweise auch große PKW.

Noch handelt es sich bei grünem Wasserstoff um einen Nischenmarkt. Wird sich dies ändern?

A.V.:
Wir gehen davon aus, dass grüner Wasserstoff zunehmend Akzeptanz finden wird: Regierungen auf der ganzen Welt unterstützen die Technologie mehr und mehr, und die Produktionskosten für grünen Wasserstoff sinken kontinuierlich. Auch härtere Strafen für Branchen mit hohem CO2-Ausstoß können die Einführung der Technologie beschleunigen. Wir befinden uns an der Schwelle zu einer Wachstumsphase, die unserer Meinung nach mehrere Jahrzehnte anhalten könnte. Die Unternehmen bauen ihre Produktionskapazitäten für grünen Wasserstoff aus, investieren in Innovationen, und auch im Bereich der schweren Mobilität sind positive Entwicklungen zu beobachten. Die Analysten der Bank of America gehen davon aus, dass die Wasserstoffwirtschaft bis 2050 einen Umsatz von 2,5 Billionen US-Dollar und ein Infrastrukturpotenzial von 11 Billionen US-Dollar haben wird.

Wird genügend grüne Energie zur Verfügung stehen, um grünen Wasserstoff zu vernünftigen Kosten zu produzieren?

A.V.:
Zurzeit ist die Wasserstoffwirtschaft nicht wirklich nachhaltig. Nach Angaben der Internationalen Energieagentur werden derzeit mehr als 99 Prozent des Wasserstoffs mit fossilen Brennstoffen hergestellt. Aber die Weichen für die Entwicklung von Wasserstoff für die grüne Wirtschaft sind gestellt. Um diesen Übergang zu beschleunigen, müssen die Kosten für die Elektrolyseure zur Herstellung von grünem Wasserstoff – also von Wasserstoff, der ausschließlich mit erneuerbarem Strom erzeugt wird – sinken. Dieser Prozess ist bereits in vollem Gange: Der Preis für Wind- und Solarenergie, die die Elektrolyseure für grünen Wasserstoff benötigen, ist nach Analysen der Bank of America in den vergangenen zehn Jahren um 70-90 Prozent gefallen. Die Kosten für Elektrolyseure sind in den vergangenen fünf Jahren um bis zu 50 Prozent gesunken und werden bis 2030 voraussichtlich um weitere 40-60 Prozent sinken. Während im laufenden Jahrzehnt neue Kapazitäten für saubere Elektrizität geschaffen werden könnten, vor allem durch Solar-, Onshore- und Offshore-Windkraftanlagen, um konventionelle Energiequellen zu ersetzen oder die neue Nachfrage zu decken, könnte im folgenden Jahrzehnt ab 2030 die Produktion von grünem Wasserstoff die Nachfrage nach sauberer Elektrizität antreiben.

Einige der Aktien haben eine starke Rallye und kürzlich eine sehr starke Korrektur hinter sich, die auch am L&G Hydrogen Economy UCITS ETF nicht spurlos vorbeiging. Viele der Pure Player verdienen noch kein Geld. Droht eine Blase?

A.V.:
Das enorme Wachstumspotential, das die Wasserstoffwirtschaft langfristig bietet, hat zu der Rallye im Jahr 2020 geführt. Technologische Verbesserungen und weiter sinkende Wasserstoffproduktionskosten haben potentielle Anwendungsmöglichkeiten für grünen Wasserstoff eröffnet. Wir glauben, dass es vier Faktoren für das jüngste Preisverhalten gibt: Der Energiesektor insgesamt schwächelte zu Beginn des Jahres; Unternehmen halten sich in der Pandemie mit Investitionen zurück; die Politik zögert in der Pandemie länger als erwartet mit ihrer Unterstützung für grünen Wasserstoff und sinkende CO2-Strafzahlungen für Branchen mit hohem CO2-Ausstoß senken den Anreiz, auf fossile Energieträger zu verzichten. Die Einführung von grünem Wasserstoff befindet sich in der Anfangsphase. Es ist daher nicht überraschend, dass solche Themenaktien teils stärker schwanken, was im Wesentlichen die sich rasch verändernde Wasserstofflandschaft widerspiegelt.