Kommentare & Expertenmeinungen | Interview
15.03.2018

ETFs: Mit wenigen Fonds zur globalen Asset Allocation

Exchange Traded Funds (ETFs), also börsengehandelte Index-Fonds, werden immer beliebter. Wo die größten Vor- und Nachteile liegen und was man als Anleger beachten solle, erfahren Sie im folgenden Interview mit Bahram Sadighian, ‎Country Head Austria & Eastern Europe ETF and Index Investments bei BlackRock.

von Wolfgang Regner

Bahram Sadighian, Head Austria & Eastern Europe ETF BlackRock

Bahram Sadighian, Head Austria & Eastern Europe ETF BlackRock

Foto: BlackRock

FONDS exklusiv: Für welche Zwecke werden ETFs besonders eingesetzt?

Bahram Sadighian: Erstens in Märkten, in denen die Informationsverteilung hoch ist, anders ausgedrückt also in besonders effizienten Märkten. Ein ETF auf die großen Indizes von DAX bis Dow macht auf jeden Fall Sinn. Die niedrigen Kosten stellen einen von aktiven Fonds schwer zu schlagenden Vorteil dar. Auch der Investmenthorizont ist wichtig. Für kurzfristige taktische Trades setzen viele Investoren auch passive Finanzinstrumente, eben ETFs, häufig ein. Zweitens werden ETFs verwendet, wenn strategische und passive Anlagestrategien kombiniert werden sollen. Drittens spielen ETFs häufig bei Core-Satellite-Strategien eine Rolle. Wenn die strategische Asset Allocation etwa 20 Prozent Emerging Markets beträgt, kann eine taktische Position von zB. fünf Prozent zusätzlich aufgebaut werden. Die 20 Prozent werden in aktive Fonds investiert. Für kurzfristige Erhöhungen, also eine taktische Vorgehensweise, werden gerne ETFs eingesetzt.

FONDS exklusiv: Welches sind die größten Vorteile von ETFs?

B.S.: ETFs sind intuitiv verständlich, kostengünstig, transparent, liquide und flexibel einsetzbar. Manche ETFs bieten in einem einzigen Produkt Zugang zu Aktien von mehr als 1.000 Unternehmen aus aller Welt. Dies macht es möglich, mit einer einzigen Transaktion in ein breit diversifiziertes Portfolio zu investieren – wenn es darum geht, Cash-Bestände flexibel und effizient zu verwalten, schnell und kostengünstig Markt-Exposure auf- und abzubauen oder Positionen abzusichern. Zudem sind ETFs börsentäglich zu ständig aktuellen Preisen an der Börse handelbar, verschiedene Market Maker sorgen für eine hohe Preisqualität und einen sehr liquiden Handel. Weil ETFs am Primär- und Sekundärmarkt gehandelt werden, sind die Fonds mindestens ebenso, oftmals sogar liquider als die zugrunde liegenden Basiswerte.

FONDS exklusiv: Und wie wirkt sich das auf das Portfoliomanagement etwa von Vermögensverwaltern aus?

B.S.: ETFs haben neue Möglichkeiten im Portfoliomanagement eröffnet – wenn es darum geht, Cash-Bestände flexibel und effizient zu verwalten, schnell und kostengünstig Markt-Exposure auf- und abzubauen oder Positionen abzusichern. Im Unterschied zu aktiv gemanagten Investmentfonds bieten ETFs nicht per se die Aussicht darauf, höhere Renditen als der breite Markt zu liefern. Dieses Alpha-Potenzial eröffnet sich vielmehr in der Asset-Allokation und im Rahmen des Risikomanage-ments des Gesamtportfolios. Studien haben gezeigt, dass über 80 Prozent der Performance auf die Verteilung des Kapitals auf die verschiedenen Assetklassen zurückgeht und nicht auf die Aktienauswahl (Stock Picking).

 

FONDS exklusiv: Gibt es Studien, die die Überlegenheit von ETFs gegenüber aktiv verwalteten Fonds nachweisen?

 

B.S.: Morningstar hat in einer Untersuchung gezeigt, dass aktiv verwaltete Fonds kurzfristig deutlich besser abschneiden als langfristig. Je weiter man in die Geschichte zurückgeht, desto schwächer werden die Ergebnisse der aktiv verwalteten Fonds. Die Quote der erfolgreichen Aktienfonds sank von 38 Prozent in der Dreijahresbilanz auf 21 Prozent in der 15-Jahresbilanz. So weit, so ernüchternd aus Sicht der Verfechter des aktiven Managements. Auch wenn die Zahlen nicht so schlecht ausfallen wie gegen die maßgeblichen Indizes, so schneiden aktive Fonds langfristig gegen ihre Indexkonkurrenten nicht so gut ab, egal, ob man auf globale Aktienfonds aus den Industrieländern blickt, auf Schwellenländeraktienfonds oder auf Einzelländerfonds: Die Erfolgsquote verharrt teilweise bei deutlich unter 20 Prozent.

FONDS exklusiv: Aber haben ETFs nicht auch grundsätzliche Nachteile?

B.S.: Einige Experten sehen ETFs im Nachteil, etwa wenn es zu Veränderungen im zugrundeliegenden Index kommt, da z.B. Aktien vor der Aufnahme in einen Index besonders stark steigen. Doch dieses Problem haben aktive Fonds auch. Zudem orientieren sich auch viele aktive Fonds an einer Benchmark. Anders ist es aber z.B. bei Absolute Return Fonds oder benchmarklosen Fonds. Weiters sind auch die Spreads im Börsenhandel von ETFs kein auf diese Asset-Klasse beschränkte Tatsache. Bei ETFs sehe ich die Spreads sofort, und das gilt auch für Anleihen-ETFs; bei aktiven Fonds, die über die Fondsgesellschaft gehandelt werden, sehe ich die Spreads nicht. Weiters wird den ETFs ein Nachteil bei Marktturbulenzen nachgesagt. Da kann es kurzfristig dazu kommen, dass die NAVs von den aktuellen Börsenkursen abweichen. Das kann aber auch bei aktiven Fonds, die über die Börse gehandelt werden, vorkommen. Anleger sollten bei raschen Erhöhungen der Volatilität, die oft auch zu einer Ausweitung der Spreads führen können, solange sie nicht dazu gezwungen sind, dem Börsenhandel fernbleiben.

FONDS exklusiv: ETFs können in volatilen Märkten und in Finanzkrisen über oder unter ihrem Net Asset Value (NAV) gehandelt werden. Ist das nicht ein erheblicher Nachteil für Privatanleger, die keinen Zugang zu Daten zum aktuellen NAV haben? Und wie ist das mit den Anpassungen im zugrundeliegenden Index?

B.S.: Würde sich der Kurs eines ETFs einmal von dem des zugrundeliegenden Wertpapierkorbes entfernen, böte dies Arbitragemöglichkeiten. Marktteilnehmer würden diese nutzen und damit beide Kurse rasch wieder in Einklang bringen. Basis dafür sind verlässliche und allgemein verfügbare Preisinformationen und die bieten ETFs auch Privatanlegern. Was Indexanpassungen anbelangt, so finden diese entsprechend der Regularien der Indexanbieter regelmäßig statt. Damit gehören sie zum üblichen Prozedere im Rahmen des ETF-Portfoliomanagements. Wir setzen solche Anpassungen möglichst kosteneffizient um, etwa indem wir unsere Handelsaktivitäten vorausschauend planen.

FONDS exklusiv: Viele Experten behaupten, dass ETFs Marktturbulenzen verstärken können, indem sie gezwungen sind, im Fall von Kapitalrückflüssen der Fondsinvestoren, sofort und unlimitiert Aktien an der Börse zu verkaufen. Bei aktiven Fonds kann der Manager einen günstigeren Zeitpunkt abwarten, da er über eine Cash-Quote drei bis fünf Prozent verfügt. Wie ist Ihre Meinung hierzu?

B.S.: Unserer Ansicht nach gibt es Missverständnisse, was die Auswirkungen von Indexfonds und die Rolle, die diese Produkte am Kapitalmarkt spielen, angeht. Besonders verbreitet sind auch Missverständnisse in Bezug auf die Größe von Indexfonds im Vergleich zum Gesamtmarkt sowie bezüglich der Preisfindung. Index-Investing ist nach wie vor ein kleines Marktsegment: Indexfonds und ETFs machen gerade einmal gut zwölf Prozent aller US-Aktien und sieben Prozent aller Aktien weltweit aus. Zudem bestimmen Investoren, die aktiv Aktien auswählen, den Preisfindungsprozess. Wir schätzen, dass auf jeden Dollar im US-Aktienhandel, der von Indexstrategien ausgeht, 22 Dollar im Rahmen von verschiedenen aktiven Strategien kommen. Diese Differenz verdeutlicht zum einen die relative Größe dieser Fonds und zum anderen den deutlich niedrigeren Handelsumsatz in Indexstrategien.

FONDS exklusiv: Haben Anleihe-ETFs nicht den Nachteil, dass in den meisten Anlagekonzepten eine volle Kapitalgewichtung gemäß der Benchmark umgesetzt wird, was in der Praxis bedeutet, dass die größten Schuldner im Index auch am stärksten im ETF gewichtet sind? Die am meisten verschuldeten Unternehmen sind also am stärksten vertreten.

B.S.: Emittenten, die ein größeres Anleihevolumen begeben haben, repräsentieren einen größeren Teil des Marktes und der dort vorhandenen Anlagemöglichkeiten. Insofern ist es schlüssig, dass diese Emittenten in Anleiheindizes entsprechendes Gewicht haben. Nicht schlüssig ist dagegen, das emittierte Volumen mit dem Emittentenrisiko gleichzusetzen. Denn beispielsweise ist die US-Regierung der größte Emittent im Bloomberg Barclays U.S. Aggregate Index, der Staats- und Unternehmensanleihen umfasst. Steht aus diesem Grund die Kreditwürdigkeit der USA in Frage? Im Unternehmensanleiheindex Markit iBoxx US Dollar Liquid Investment Grade Index sind Verizon, Microsoft, JPMorgan Chase, Bank of America and Apple unter den größten Emittenten – allesamt Qualitätsunternehmen. Vergleicht man die zehn größten und die zehn kleinsten Positionen im iShares iBoxx $ Investment Grade Corporate Bond ETF, der Unternehmensanleihen umfasst, zeigt sich: Die zehn Größten verfügen im Schnitt über bessere Ratings als die Kleinen. Zudem sehen manche Anleihe-Benchmarks Restriktionen der einzelnen maximalen Positionsgröße von fünf Prozent vor. Genau wegen dieses Problems gibt es die sogenannten Smart Beta-Fonds, die ihr Portfolio nicht streng nach Kapitalgewichtung allokieren müssen. Bei aktiven benchmarknahen Fonds können durch eine Gewichtung nach der Kapitalmarktgewichtung ebenfalls Klumpenrisiken auftreten.

FONDS exklusiv: Was sind die neuesten Trends?

B.S.: Ein nicht mehr ganz neuer, dennoch sehr dynamischer Trend ist jener zu neuen ETFs, die den zugrundeliegenden Index nicht mehr stur nach der Marktkapitalisierung im ETF nachbilden. Es wird dem ETF also Beta (allgemeines Marktrisiko, welches auch durch Diversifikation nicht eliminiert werden kann) entzogen, der Fonds erhält ein neues, oft besser geeignetes Rendite/Risiko-Profil. Diese Fonds werden deshalb auch Smart Beta-Fonds genannt. So bieten Smart Beta Fonds im Aktienbereich unter anderem Zugang zu einzelnen Stilfaktoren, deren positive Wirkung auf die Wertentwicklung vielfach akademisch nachgewiesen ist. Dazu gehören eine geringe Unternehmensgröße (Size), hohe Unternehmensqualität (Quality), niedrige Bewertung (Value), geringe Schwankungsbreite (Volatility) und positive Kursdynamik (Momentum). Hinzu kommen etwa ETFs auf die einzelnen Sektoren des europäischen Aktienmarktes, gemessen am STOXX Europe 600. Im Anleihebereich können Anleger über ETFs zum Beispiel gezielt in Anleihen mit kurzer oder ultrakurzer Laufzeit sowie variabel verzinste Papiere investieren, die sich in Zeiten steigender Zinsen als widerstandsfähig erwiesen haben. Hinzu kommen unter anderem Produkte auf einzelne Bonitätssegmente.