Kommentare & Expertenmeinungen | Interview, Investmentfonds
17.02.2014

Droht uns eine neue Internet-Blase?

In einige Technologie-Segmenten ist diese Gefahr gegeben, andere dagegen leiden unter aufgeschobenen IT-Investitionen der Unternehmen, sagt Stuart O’Gorman, Fondsmanager des Henderson Global Technology im Interview.

von Wolfgang Regner

Stuart O’Gorman

Stuart O’Gorman

Foto: Henderson

Wie schätzen Sie die aktuellen Investitionstrends im Technologiesektor ein?

 

Stuart O’Gorman: Kapitalinvestitionen sind normalerweise mit einem positiven Geschäftsaus-blick der investierenden Unternehmen korreliert. Steigt das Business Sentiment, so legen auch die Aktienkurse der Unternehmen zu und das führt meist zu einer Erhöhung des Technologiebudgets. Da die etablierten Weltbörsen im letzten Jahr kräftig performt haben, und zwar vor allem in den USA, sollte der Zuwachs an Unternehmensinvestitionen sogar das Wachstum des Bruttoinlandsprodukts (BIP) überflügeln. Im Gegensatz zu anderen Ländern ist die US-Wirtschaft stark IT-basiert. Dennoch haben Unternehmen zum Teil ihre IT-Investitionen in die Zukunft verschoben. Für 2014 erwarten wir jedoch, dass sich dieser Trend umkehrt und die IT-Ausgaben stärker zulegen, wobei jedoch das globale Makro-Risiko nicht außer Acht gelassen werden darf.

 

 

Das heißt, es gibt erhebliche aufgestaute Nachfrage, die- wenn sie realisiert wird- viele Technologieunternehmen beflügeln könnte…

 

Stuart O’Gorman: Ja, durchaus, doch es gibt auch Nachzügler. So wird der PC-Bereich und die IT-Hardware für Unternehmen weiterhin schwach tendieren, wie die Quartalsberichte des Chipriesen Intel  bzw. von IBM zeigten. Das schwache Business Sentiment in diesem Tech-Segment zwang Microsoft dazu, das neue Windows 7-Upgrade für Unternehmen zu verschieben. Wir denken aber, dass wir in den ersten beiden Quartalen dieses Jahres eine größere Auffrischung von Desktop-PCs bei Unternehmen sehen werden, doch dies könnte im zweiten Halbjahr schon wieder zu Ende gehen. Nicht nur die Unternehmensverkäufe, auch die Retail-Umsätze mit PCs werden sich dann wohl weiter schwach entwickeln. Immerhin sollten hybride Geräte, wie Tablets und damit verwandte Geräte deutlich besser laufen. Wir haben Intel jedenfalls nur gering gewichtet, denn der Halbleiterhersteller hat die Transformation zu einem mobilen-Chip-Unternehmen bisher nicht geschafft.

 

 

Welche aktuellen Technologietrends sehen Sie?

 

Stuart O’Gorman: Wir sehen zum Teil besorgniserregende Preissteigerungen in einigen der schon wieder als „New Economy“ bezeichneten Segmenten. Wenn man auf die Technologieblase des Jahres 2000 zurückblickt, so jagten hohe Summen von Hot Money hinter Unternehmen her, die zum Teil umsatzlos und fast immer gewinnlos waren. Die Folge waren ein extremer Wettbewerb, der mit hohen Finanzmitteln ausgetragen wurde und zu hohen Überkapazitäten und extremen Bewertungen führte. Unsere Investmentphilosophie hat sich immer auf qualitative Merkmale von Unternehmen konzentriert, so etwa auf die Markteintrittsbarrieren und wie stark diese wirklich sind. Massive Zuströme an Kapital können in einem Technologiebereich die Wettbewerbsfähigkeit unterminieren und die Barrieren vollkommen zerstören. Daher beobachten wir die unterschiedlichen Money Flows sehr genau.

 

 

Welche Bereiche könnten eine neue Tech-Blase ausbilden?

 

Stuart O’Gorman: Ich sehe wieder einmal eine fatale Kombination von günstigen Kreditkonditionen mit einem Investorenhype, wie seit zehn Jahren nicht mehr. Vor allem bei Small Cap Techaktien konstatieren wir extrem hohe Bewertungen. Wenn man bedenkt, wie brüchig die globale Konjunktur ist, erscheint das schon furchterregend, da die Investoren offenbar nicht mehr einpreisen, dass wachsende Konkurrenz, Preisdruck und neue Entwicklungen die Marktsegmente dieser Tech-Zwerge weniger profitabel machen könnte. Wieder – wie schon im Jahr 2000 – gibt es immer mehr profitlose Unternehmen, deren himmelhohe Bewertungen Wunderdinge versprechen. Sie steigern ihre Umsätze durchaus dynamisch, doch es bleibt einfach kein Gewinn hängen. Und die Niedrigzinsphase lässt viel zu viele dieser Firmen am Leben. Auch die taiwanesische Mediatek, die das Silikon für weiße Etuis bzw. Gehäuse chinesischer Handys produziert, gibt freimütig zu: ‚Die meisten unserer Firmenkunden machen keinen Gewinn aber sie werden von chinesischen Lokalregierungen finanziert.‘ Zudem mehren sich IPOs neuer Tech-Winzlinge, die außer bei der Erstnotiz – und das ist auch nicht sicher – keinerlei Gewinn bringen. Sehr teuer sind etwa die Segmente 3D-Druck und Software as a Service, aber auch der Großteil des Social Media-Bereichs, vor allem Twitter. Wie schon 2000 wird auch diese Blase wird in einer Flut aus Tränen enden.

 

 

Wo investieren Sie?

 

Stuart O’Gorman: Im Gegensatz zu den genannten Segmenten werden viele hochprofitable Tech-Riesen zu sehr tiefen Bewertungen gehandelt, weil sie von den Anlegern als langweilig eingestuft werden. Das KGV der 15 größten Technologieaktien weist auf erhebliche Discounts hin, die fast wieder so groß sind wie Jahre nach dem Platzen der ersten Internetblase. Außerdem übersehen viele Investoren, dass der gesamte US-Aktienmarkt seit 18 Monaten stürmisch gestiegen ist, während der Technologiesektor deutlich zurückgeblieben ist – trotz analoger Wachstumsdynamik. Auch der Henderson Global Technology ist zurückgeblieben, da er sich von den hoch oktanigen, aber profitlosen Small Caps weitestgehend fern gehalten hat. Das letzte Quartal jedoch konnte der Fonds relativ betrachtet eine Outperformance erzielen – vor allem dank Positionen im Bereich Halbleiter(ausrüstung). Intel und Apple waren jedoch untergewichtet. Intel ist ein fantastischer Chipproduzent, doch seine Endmärkte sind im Rückwärtsgang unterwegs, während die Segmente mobile Endgeräte und Tablets regelrecht boomen. Und in diese Märkte einzudringen wird schwer für Intel, da die Markteintrittsbarrieren recht hoch sind. Auch der Verzicht auf den chinesischen Internetanbieter Tencent hat Rendite gekostet. Wir waren besorgt, es würde einiges an Gewinnmarge kosten, sollte Tencent gegen Wettbewerber ankämpfen müssen. Dies ist auch eingetreten, die Margen sanken um stolze zehn Prozent, doch die Tencent-Aktie stieg trotzdem weiter. Der gesamte chinesische Internetsektor hat eine gewaltige Höherbewertung erfahren. Auch Cisco hat den Henderson Technology belastet, da vor allem die NSA-Affäre Wettbewerber aus China einen Aufwind verschafft hat.

 

 

Wie finden Sie Ihre Portfoliokandidaten?

 

Stuart O’Gorman: Ein weiterer wichtiger Bestandteil unseres Investmentansatzes ist die Fähigkeit, rechtzeitig zu identifizieren, wann eine bestimmte Technologie zur absoluten Notwendigkeit wird. Ein Technologieunternehmen ist dann ein Gewinner, wenn es nicht nur ein Produkt oder ein Service anbieten kann, das funktioniert, sondern auch wenn dieses Produkt derartige Vorteile bieten kann, wie kein anderes Produkt eines anderen Unternehmens, sodass es also zu einer Notwendigkeit wird. Zu diesem Zeitpunkt zu investieren kann sehr profitabel sein, wie z.B. Amazon im E-Retail-Commerce gezeigt hat. Auch die aktuellen Tech-Trends muss man dahingehend analysieren, ob sie Unternehmen auf einen positiven Gewinntrend schicken, oder ob es sich um einen unprofitablen Trend handelt. So haben viele Newcomer in den Bereichen Cloud Computing bzw. Software as a Service den ‚Old Economy-Wettbewerbern‘ Marktanteile weggenommen, doch sie bleiben dennoch meist unprofitabel und dafür auch noch sehr hoch bewertet. Sie sind also quasi zum Erfolg verdammt. Denn sie konkurrieren nicht nur untereinander, wie etwa serviceNow gegen SalesfForce.com, sondern sie fordern auch die etablierten großen Player heraus, wie z.B. Oracle und SAP. Wir mögen daher dieses hohe Risiko, einen Loser aus der Reihe an Newcomern herauszupicken, überhaupt nicht und halten uns meist an die großen Marktführer.

 

 

Welche Technologiesegmente könnten von der NSA-Affäre profitieren?

 

Stuart O’Gorman: Ed Snowden hat die Industriespionage und die Notwendigkeit, die eigenen Daten zu schützen, ins Rampenlicht gerückt. Das könnte dem Sicherheitssegment innerhalb der Techbranche gewisse Vorteile bringen. So werden wohl mehr Datenzentren außerhalb den USA angesiedelt werden. Allerdings sollten wir nicht außer Acht lassen, dass nicht nur Regierungen eine Unmenge an Daten sammeln, sondern auch viele Technologieunternehmen. Ja, Apple und Google dürften weit mehr Daten angesammelt haben wie die NSA. Abgesehen davon gefallen uns die hohen Bewertungen des Sicherheitssektors nicht – wir halten uns zumeist abseits.

 

 

Welche Portfolioänderungen haben Sie in den letzten sechs Monaten vorgenommen?

 

Stuart O’Gorman: Wir haben unsere Untergewichtung des Halbleiter- bzw. Halbleiterausrüstungssektors reduziert, die Gewichtung von Software und Services angehoben sowie das Thema der totalen Internet-Anbindung weiter voran getrieben, und zwar durch Investments in Mediatek, Finisar und Apple. Der Kommunikationsbereich, also etwa Cisco, wurde dagegen reduziert, ebenso wie unsere Position in IBM. Hier befürchten wir schwache Umsatz- und Gewinntrends aufgrund der starken Positionierung in den Emerging Markets. Das Internet-Retail-Segment in Gestalt von Amazon wurde ebenfalls zurecht gestutzt – so konnte Amazon zuletzt die Gewinnprognosen nicht erfüllen.