Kommentare & Expertenmeinungen | Interview
28.01.2013

Dr. Doom: Das Beste ist schon wieder vorbei

Was werden die Börsen heuer machen, wo könnte es noch unentdeckte Chancen für lukrative Investments geben? Der in Thailand lebende Schweizer Marc Faber bestätigt auch in diesem Interview seinen Ruf als konträr denkender Prophet der Finanzmärkte. Allgemeine Bekanntheit erlangte er mit seinen oftmals düsteren und treffsicheren Börsenprognosen, die er als Herausgeber seines Investment Newsletters „The Gloom Boom & Doom Report“ veröffentlicht. 

von Wolfgang Regner

Marc Faber

FONDS exklusiv: 2012 war für viele Finanzexperten überraschenderweise ein sehr gutes Börsenjahr. Wie wird 2013?

 

Marc Faber: Jedenfalls nicht mehr so gut wie 2012. Im letzten Jahr ist bis auf wenige Ausnahmen alles gestiegen - nun spricht einiges dafür, dass diesmal bis auf einige Ausnahmen auch wieder alles fallen könnte. Eine Korrektur von rund 20 Prozent sowohl an den Aktien- als auch an den Rohstoffmärkten halte ich jederzeit für möglich. Vorsichtig stimmen mich einige technische Marktindikatoren: Der Optimismus ist zuletzt stark gestiegen, und auch die niedrige Volatilität spricht für starke Kursausschläge, die meiner Meinung nach eher nach unten gehen könnten. Wenn ich die Weltbörsen überblicke, dann bin ich neben EU-Europa vor allem über die Entwicklungen in China besorgt - hier könnten wir eine Rezession erleben. Der Optimismus über die zuletzt positiven Wirtschaftsdaten erscheint mir übertrieben. Auch das große Wachstum ist in Fernost wohl für immer vorbei. In Zukunft werden wir uns etwa in China mit vier bis sechs Prozent begnügen müssen- und ein derartiges Szenario ist an den Märkten keineswegs eingepreist. Und schließlich könnten wir eine Deflation bekommen, etwa in den Bereichen Staatsanleihen und Immobilen. Hier sind die Werte auf zum Teil abstrus hohe Niveaus geklettert - die Preise könnten also sinken.

 

 

Das hieße also: steigende Zinsen?

 

M.F.: Ja, genau. Doch die Volkswirtschaften der Industriestaaten sind keineswegs schon stark genug, um steigende Zinsen zu verkraften. Auch mein Kollege George Soros meint, dass es zu einem Zinssprung kommen werde, sobald es klare Signale für eine Erholung der US-Wirt-schaft gebe, und die erwartetet er noch 2013. Doch um den Schuldenberg zu reduzieren, müssten die USA das Wachstum ihrer Wirtschaft wieder herstellen - und das wird allein durch Anleihekäufe der Notenbank Fed nicht gelingen. Daher würde die Fed das gedruckte Geld auch nicht abschöpfen können, ohne die Wirtschaftserholung gleich wieder abzuwürgen. Bleibt sie bei ihrer Nullzinspolitik, steigt die Inflationsgefahr.  Da haben sich die US-Währungshüter in ein ziemliches Dilemma hinein manövriert.

 

 

Mit welchen Strategien hatten Sie 2012 Erfolg und wo sehen Sie für 2013 noch am ehesten positive Renditen?

 

M.F.: 2012 habe ich zum überhaupt ersten Mal in meinem Leben italienische, französische, spanische und portugiesische Aktien gekauft. In diesen Märkten konnte ich eine extreme Unterbewertung feststellen, ja manche Aktien notierten so tief wie seit Generationen nicht mehr. Damit ist nun Schluss- der Aufwärtstrend in der Euro-Peripherie könnte zwar noch weitergehen, doch ist das Chancen-Risiko-Verhältnis nicht mehr so attraktiv. Dennoch halte ich einige Positionen weiterhin, vereinzelt habe ich aber Gewinne mitgenommen. Die besten Aussichten sehe ich, trotz meiner Vorsicht was China anbelangt, an den Aktienmärkten Vietnams und vor allem Japans- wenn man etwas mehr Risiko nehmen will, so gibt es auch in China noch einige interessante Werte. Auch die Ukraine gefällt mir. In den USA setze ich weiterhin auf ausgewählte Regionen des Immobilienmarktes, vor allem in einigen Städten Kaliforniens und in Atalanta. Generell aber halte ich derzeit wegen der von mir erwarteten hohen Volatilität ein ausgewogenes Portfolio mit gleichgewichteten Anteilen an Aktien, Unternehmensanleihen, Gold, Cash und Immobilien.

 

Haben Sie auch Short-Positionen?

 

M.F.: Aktuell nicht, da schwer vorherzusehen ist, welche Bereiche der Finanzmärkte als erstes einbrechen könnten. Auch für mich ist es schlicht unprognostizierbar, wann und wo die Zentralbanken erneut intervenieren werden - und damit den Markt manipulieren. Doch eines Tages wird der Markt stärker als die Regierungen und die Zentralbanken sein. Dann werden entweder die Anleihenmärkte kollabieren, oder der Aktienmarkt wird zu einer Mega-Blase aufgepumpt. Beides wäre für die Regierungen sehr peinlich. Deshalb halte ich aktuell auch Bargeld, obwohl ich es langfristig meide. Eine gute Absicherung ist und bleibt für mich physisches Gold. Ich glaube zwar noch nicht, dass der ultimative Zusammenbruch des Finanzsystems bereits unmittelbar bevorsteht, doch im Falle des Falles würde Gold immer noch einen bestimmten Wert besitzen. Jeder, der die Zusammenhänge des Geldsystems kennt, muss zwangsläufig auf Gold setzen - auch wenn das Edelmetall Schwankungen unterworfen ist. Doch am Ende ist Gold das Einzige, was bleibt. Ich hoffe sogar, dass der Goldpreis demnächst fällt, denn dann kann ich meine langfristigen Positionen günstig aufstocken. Ich bereite mich durch Investments in „harten“ Assets auf den finalen Showdown vor, also neben Gold auch ausgewählte Immobilien und Aktien.

 

Das heißt, sie rechnen mittelfristig nach wie vor mit dem Schlimmsten?

 

M.F.: Leider ja, und mir ist gar nicht wohl dabei. Manchmal sorge ich mich so sehr um die Zukunft unserer Welt, dass ich aus dem Fenster springen möchte. Das hat vor allem mit dem monströsen Anwachsen des Derivativmarktes zu tun. Dieser hat inzwischen einen Gesamtwert von unglaublichen 700000 Milliarden US-Dollar. Schon relativ geringe Schwankungen können enorme Verluste generieren. Vorerst jedoch könnte der „Crack-up-Boom“ noch ein gutes Stück weitergehen. Anleger sollten aber wachsam bleiben - das erste wichtige Signal für das von mir erwartete Endspiel an den Finanzmärkten wäre eine Massenflucht der Investoren aus überbewerteten Staatsanleihen und Cash in Gold und zum Teil auch in Aktien. Zum Spaß habe ich eine Wette mit dem renommierten US-Wirtschaftsprofessor Robert Shiller laufen, der mich wegen meines Optimismus für Gold kritisiert hat. Also habe ich ihm geantwortet, er solle bei seinen Papierdollars bleiben und ich bei meinem Gold, und dann werden wir schon sehen, welches Asset als erstes auf Null fällt. Wenn das System zusammenbricht und nur mehr Plastikkarten übrig sind, werden die Menschen realisieren, wenn auch leider zu spät, dass nur Gold einen ultimativen Wert hat. 

 

Wie schätzen Sie die USA ein?

 

M.F.: Also, aktuell würde ich weiterhin eher auf europäische als auf amerikanische Aktien setzen, obwohl der S&P 500-Index durchaus in Richtung seiner alten Mehrjahreshochs steigen kann. Zudem sehen wir in den USA so etwas wie eine Re-Industrialisierung - viele jahrelang vom globalen Outsourcing betroffene und aus den USA abgewanderte Industriesektoren kehren nun wieder nach Amerika zurück. Der Hauptgrund sind die im Vergleich zur Qualifikation vieler Erwerbstätiger niedrigen Lohnkosten und vor allem die günstigen Energiepreise. Ausgewählte US-Energiewerte halte ich für interessant. Dennoch bin ich generell nicht für US-Werte optimistisch. Die operativen Gewinnmargen befinden sich auf Top-Niveaus, und hier besteht einiges an Potenzial für Enttäuschungen. Fällt aber der S&P 500, dann fällt überall in der Welt alles mit, denn die Korrelationen sind sehr hoch.

 

 

 

Dennoch ist für Sie die Bedeutung Chinas weitaus größer als jene der USA- warum?

 

M.F.: Als die chinesische Volkswirtschaft stark gewachsen ist, also von 2000 bis 2008, hat dies die Rohstoffpreise massiv in die Höhe getrieben. Und dies wiederum wirkte wie ein Booster für viele andere Schwellenländer mit großen Rohstoffvorkommen, also etwa Brasilien, den arabischen Raum, Russland, Zentralasien und Australien, sowie Kanada. Umgekehrt bedeutet ein Konjunktureinbruch in China fallende Rohstoffpreise, wodurch die anderen Schwellenländer weniger Geld für Investitionen zur Verfügung haben. Das ergibt einen starken negativen Multiplikatoreffekt für die gesamte Weltwirtschaft. Ob die US-Wirtschaft zwei Prozent wächst oder zwei Prozent schrumpft hat keine Auswirkungen auf die Rohstoffnachfrage oder die Dienstleistungsindustrie. Sehr wohl aber, ob China mit 12 Prozent wächst oder nur mit vier Prozent. Meiner Meinung nach befindet sich China in einem konjunkturiellen Abschwächungsprozess, der sehr viel stärker ausfällt, als es die offiziellen Daten anzeigen. Welche Gründe sprechen dafür? Nun, etwa das negative Exportwachstum Richtung China in zwei Ländern, für die wir sehr präzise Daten zur Verfügung haben, nämlich Südkorea und Taiwan. Auch die Statistiken der Glücksspielindustrie in Macau weisen darauf hin, dass China weitaus schwächer wächst als angenommen und der Stromverbrauch hat zuletzt kaum noch zugenommen. In die gleiche Richtung weisen auch Unternehmensdaten - so verzeichnet Mc Donald’s in Asien kaum noch steigende Umsätze.

 

Doch auch die US-Daten sind Ihrer Meinung nach geschönt…

 

M.F.: Ja allerdings, vor allem wegen verzerrter Inflationsdaten. Wenn man anekdotische Zahlen etwa für die Wohnungsmieten, Versicherungsprämien, Gesundheitskosten, Preise für Taxis, etc. und für jene US-Arbeitslosen heranzieht, die es aufgegeben haben, nach Jobs zu suchen und die deshalb aus der offiziellen Statistik herausfallen, ergibt sich ein ganz anderes Bild. Meiner Meinung nach haben die USA eine weitaus höhere Inflation und bestenfalls ein reales Nullwachstum.

 

 

Investitionen in Finanzwerte sind nach wie vor tabu?

 

M.F.: Ich meide vor allem Bankaktien, für Versicherungen bin ich deutlich positiver gestimmt. Doch Banken haben im heutigen Finanzmarktumfeld relativ hohe Kapitalanforderungen für ihr operatives Geschäft aufzubringen - das drückt stark auf die Renditen. Auch dürften noch viele faule Positionen im System herumgeistern, die erst noch abgeschrieben werden müssen. Zudem ist der Leverage, also der Verschuldungsgrad, nach wie vor zu hoch.  Doch es gibt auch noch andere korrekturanfällige Sektoren, etwa den Hightech-Bereich. Hier sehen wir ja gerade am Beispiel Apples, wie viel Investorengeld in kürzester Zeit vernichtet werden kann, wenn der Wettbewerb schärfer wird. Auch andere Sektoren mit einem sich verschärfenden Wettbewerb meide ich, etwa den Automobilsektor.

 

Gleiches gilt für Staatsanleihen?

 

M.F.: Im Großen und Ganzen ja. Ich halte ausgesuchte Corporate Bonds viel lieber als Staatsanleihen, denn im Endeffekt werden gute Unternehmen selbst dann überleben, wenn die Regierungen stürzen und das Finanzsystem kollabiert. Das gilt etwa für die russische Gaz-prom oder die indische Bank Icici. Dass internationale Ratingagenturen diese Bonds als nicht „Investment-Grade“ und somit als von niedriger Qualität einstufen, stört mich dabei überhaupt nicht.