Kommentare & Expertenmeinungen | Interview
27.06.2019

"Die weltweite Konnektivität verändert unser Konsumverhalten"

"Disruptive Konsumtrends führen zu Verschiebungen von Marktanteilen", sagt Ido Cohen. Der Fondsmanager des Invesco Global Consumer Trends Funds erläutert, wie er in die Gewinner dieser Veränderungen investiert und welche Konsumbereiche aussichtsreiche Anlagechancen eröffnen.

von Kay Schelauske

Ido Cohen, Fondsmanager Invesco

Ido Cohen, Fondsmanager Invesco

Foto: Invesco

FONDS exklusiv: Das Fondsmanagement sucht Unternehmen, die von disruptiven Veränderungen des Konsumverhaltens profitieren. Was heißt das konkret?

Ido Cohen: Das Ziel des Fonds ist es, in Konsumtrends anzulegen. Das können disruptive als auch längerfristige, unterschätzte Trends sein. Ein disruptiver Trend ist eine Entwicklung, die zu einer Verschiebung von Marktanteilen zwischen Unternehmen führt und in Verhaltensänderungen, neuen Produktzyklen oder Innovationen begründet sein kann. Aktuell sehen wir attraktive Möglichkeiten für Anlagen in disruptive Konsumtrends, weil die weltweit zunehmende Konnektivität zu bedeutenden Änderungen unserer Konsumgewohnheiten führt.

FONDS exklusiv: Welche Veränderungen meinen Sie?

I. C.: Es geht sowohl um die Frage, wo und wie wir einkaufen, als auch um unsere Medien- und Informationsnutzung und die Zeit, die wir für diese Aktivitäten aufwenden. Gleichzeitig fallen durch neue Technologien viele Schranken weg, die einem globalen Konsumgüterhandel im Weg stehen. Diese Veränderungen führen zu erheblichen Verschiebungen von Marktanteilen zwischen Unternehmen, wobei einige auf der Gewinner- und andere auf der Verliererseite stehen werden. Das ist ein hervorragendes Umfeld für eine umsichtige Einzeltitelselektion auf Basis von Bottom-up-Fundamentalanalysen – den Eckpfeilern unseres Investmentprozesses.

FONDS exklusiv: Welche Schwerpunkte setzten Sie? Auffallend ist eine starke Gewichtung von Technologiewerten.

I. C.: Aktuell liegt ein großer Portfolioschwerpunkt auf Unternehmen, die von langfristigen Veränderungen der Konsumgewohnheiten profitieren. Viele der Unternehmen, die sich mit Innovationen auf diesen Wandel einstellen, nutzen Technologien für einen effizienteren, komfortableren und besser auf die individuellen Bedürfnisse der Konsumenten ausgerichteten Vertrieb, durch die sie einen größeren Markt adressieren können. Um attraktive Renditen für unsere Investoren zu generieren, suchen wir nach Unternehmen, die von diesem Wandel der Konsumgewohnheiten profitieren – unabhängig davon, ob es sich um Konsum-, Kommunikations-, Technologie- oder sonstige Aktien handelt. Im Rahmen unseres Anlagemandats unterliegen wir hier keinen Branchenbeschränkungen.

FONDS exklusiv: Beim Blick auf die Weltwirtschaft ist eher von einem schwächeren Umfeld auszugehen. Wie kommt ihr Fonds mit Phasen geringerer Wachstumsraten zurecht?

I.C.: Wir haben den Fonds so aufgestellt, dass er sich auch in wachstumsschwachen Phasen positiv entwickeln sollte. Unserer Ansicht nach wird der Markt in einem solchen Umfeld weiterhin eine Präferenz für Unternehmen zeigen, die auch in schwächeren Konjunkturphasen Wachstum generieren können. Die größte Wachstumsdynamik verzeichnen derzeit die großen Internet-Plattformen. Wir halten diese Titel im Marktvergleich auch weiterhin für relativ attraktiv – allerdings aus jeweils unterschiedlichen Gründen.

FONDS exklusiv: Der Fonds hat den marktbedingten Kurseinbruch Ende 2018 inzwischen weitgehend wettgemacht. Was sind die Gründe?

I. C.: Als wir im zweiten Halbjahr 2018 das Umfeld und unsere Portfoliounternehmen bewerteten, waren wir der Ansicht, dass das Wirtschaftswachstum an Fahrt verliert, es aber kurzfristig nicht zu einer Rezession kommen würde. In bestimmten Bereichen haben sich durch diese Wachstumsabschwächung interessante Einstiegschancen für uns eröffnet. Bei der Mehrheit unserer Portfoliopositionen haben wir auf Basis der Ergebnisse unserer laufenden Fundamentalanalysen an unserer Positionierung festgehalten. Für unsere Anteilseigner hat sich das im Zuge der diesjährigen Erholung bereits ausgezahlt, obwohl es bestimmte, von uns als sehr werthaltig eingestufte Portfoliobereiche gibt, in denen wir noch Aufwärtspotenzial sehen.

FONDS exklusiv: Welche Bereiche bieten perspektivisch großes Kurspotenzial?

I. C.: In den Industrieländern verbringen die Verbraucher mehr Zeit online und in vielen Teilen der Schwellenländer erhalten die Konsumenten erstmals Zugang zum Internet. Dadurch verändert sich das Konsumverhalten in beiden Märkten. Der E-Commerce befindet sich an einem Wendepunkt, da zunehmend auch die größten Handelssegmente – Lebensmittel, Verbrauchswaren und Autos/Autozubehör – auf den Onlinehandel setzen. In den USA liegt der Anteil des Onlinehandels an den gesamten Einzelhandelsumsätzen erst bei 12-13 Prozent. Wir denken, dass der Trend weiter in Richtung E-Commerce geht, da die Verbraucher zunehmend auch Lebensmittel, Verbrauchsgüter und Fahrkarten online kaufen. Nach unseren Prognosen dürfte der Anteil des E-Commerce an den Einzelhandelsumsätzen längerfristig auf mindestens 30 Prozent ansteigen und sich damit mehr als verdoppeln. Aussichtsreiche Chancen sehen wir auch in den Bereichen Entertainment Software, also Videospiele, Internet und Social Media sowie perspektivisch im Bereich Car-Sharing und autonomes Fahren.

FONDS exklusiv: Was sind die Gründe?

I. C.: Der adressierbare Markt für Unterhaltungssoftware wird wachsen, da die immer bessere Grafikleistung der Mobiltelefone komplexere Videospiele mobilfähig macht. Durch die direkte Interaktion mit den Konsumenten und die Verbreitung von Download-Inhalten steigen zudem die durchschnittlichen Erlöse pro Titel sowie die Margen der Entwickler von Unterhaltungssoftware. Gleichzeitig werden soziale Medien durch die zunehmende Verbreitung von Smartphones und die höheren Breitbandgeschwindigkeiten von immer mehr Menschen immer häufiger genutzt. Das ermöglicht eine direktere Kundenansprache in der Werbung und führt damit zu einer anhaltenden Verschiebung von Marktanteilen in der Werbung sowie einer besseren Monetarisierung von Online-Inhalten. Ein neuer Social-Media-Trend, der bei uns im zurückliegenden Jahr im Fokus gestanden hat, ist das Online-Dating. Dies ist ein weiterer Bereich, der von der zunehmenden Konnektivität der Konsumenten sowie von einem großen adressierbaren Markt mit weltweit mehr als 600 Millionen Online-Singles profitieren dürfte.

FONDS exklusiv: Welche Perspektiven sehen Sie beim Car-Sharing und autonomen Fahren?

I. C.: Unserer Ansicht nach befindet sich der Car-Sharing-Markt mit einem Anteil von aktuell einem Prozent an der Fahrleistung noch in einer frühen Entwicklungsphase. Angesichts der starken Branchenkonzentration dürfte sich das Preisumfeld für die Anbieter hier sehr positiv entwickeln. Außerdem glauben wir, dass die Car-Sharing-Anbieter auch ein Zugangspunkt zur Zukunft des autonomen Fahrens sein werden. Diese Zukunft scheint zwar noch in relativ weiter Ferne zu liegen, sie könnte sich in den nächsten zehn Jahren aber zu einem disruptiven Trend entwickeln.