Kommentare & Expertenmeinungen | Interview
22.11.2018

"Das Geschäftsmodell der Pharmahersteller muss sich ändern"

Die Gesundheits-Branche hat als eine der wenigen Sektoren 2018 eine überzeugende Performance hingelegt. Der MSCI-Healthcare-Index stieg um rund 14 Prozent. Doch geht der Aufwärtstrend auch 2019 weiter? Dazu haben wir Vinay Thapar, Portfolio Manager des International Healthcare Portfolios bei AllianceBernstein im folgenden Interview befragt.

von Wolfgang Regner

Vinay Thapar, Portfoliomanager AllianceBernstein

Vinay Thapar, Portfoliomanager AllianceBernstein

Foto: AB

FONDS exklusiv: Wie sehen Sie die längerfristigen Perspektiven für die globalen Gesundheitsmärkte?

Vinay Thapar: Wir denken, dass der Healthcare-Sektor in vielerlei Hinsicht interessant ist. In vielen Bereichen steht die Technologie noch fast am Anfang, etwa bei Healthcare-Ausrüstung und im Biotech-Segment. Big Data sind ein großes Thema im breiten Technologiesektor, doch die hochwertige Datenanalyse bei klinischen Studien zur Neuentwicklung von Medikamenten ist ebenfalls noch nicht weit vorangeschritten. So können wir derzeit noch keine studienübergreifenden Daten aus einer Vielzahl klinischer Tests analysieren, um charakteristische Indikatoren zu entschlüsseln, die bestimmen, ob ein Test erfolgreich sein wird oder nicht. Auch in der klinischen Praxis ist die Technologie noch nicht weit vorangeschritten. Für Patienten ist der Arztbesuch oder etwa ein Test mit bildgebenden Verfahren immer noch ein Papierkrieg und die Digitalisierung der Patientendaten hat auch noch keine großen Fortschritte gemacht. Es gibt keine Möglichkeit für Patienten, Zugang zu allen sie betreffenden Gesundheitsdaten zu erhalten. Diese sind nach wie vor über das gesamte medizinische Behandlungsspektrum bzw. Institutionen verteilt.

FONDS exklusiv: Wo sehen Sie die größten Chancen für Investoren?

V.T.: Wir sehen viele Möglichkeiten im Therapiebereich, etwa bei Krebs, in der Neurologie (Alzheimer, Parkinson), bei Diabetes und im Schmerz-Management. Viele medizinische Bedürfnisse können noch nicht gedeckt werden. So würde ein effektives Mittel gegen Schnupfen und Erkältung die Lebensqualität vieler Patienten deutlich verbessern.

FONDS exklusiv: Welchen Herausforderungen muss sich die Healthcare-Branche stellen? Wird etwa der Preisdruck zunehmen?

V.T.: Es gibt noch große Herausforderungen, was die Effizienz, die Preisgestaltung und die Finanzierung des Gesundheitssystems anbelangt. Eine der größten Fragen ist jene nach der fairen Bewertung und Vergütung medizinischer Forschungserfolge bei neuen Medikamenten. Gerade was die Kosten für das Gesundheitswesen anbelangt, und wer diese übernehmen soll, diese Frage ist in den letzten Jahren virulent geworden, vor allem in den USA, nachdem Obamacare (Krankenversicherung für Millionen bisher nicht Versicherte) wieder abgeschafft wurde. Nun müssen die Patienten je nach den Konditionen ihrer Krankenversicherung zum Teil selbst in die Tasche greifen. Derartige Verträge mit Selbstbehalten sind von Null auf bis zu 40 Prozent gestiegen. Und diese Selbstbehalte können ohne weiteres 5000 Dollar und mehr ausmachen. Natürlich steigt dadurch das Kosten- und damit das Gesundheitsbewusstsein.

FONDS exklusiv: Wie reagieren die Unternehmen auf diese Herausforderungen?

V.T.: Viele Gesundheitsdienstleiter, vor allem Pharmahersteller, haben sich in den letzten Jahren einfach auf deutliche Preiserhöhungen verlassen, ein Geschäftsmodell, das es so in kaum einer anderen Branche gibt. Man stelle sich vor, Apple wolle den Preis für das iPhone 6 (drei Jahre alt) um zehn Prozent erhöhen. Das macht doch überhaupt keinen Sinn! Doch genau das geschieht im Gesundheitssektor und das muss sich ändern. Ein Beispiel ist etwa die Chemotherapie: Vor 20 Jahren kostete eine typische Form dieser Therapie rund 200 Dollar pro Monat, bei schweren Nebenwirkungen und einem Gewinn an Lebenszeit von vielleicht gerade mal wenigen Wochen bis Monaten. Heutzutage hat sich die Performance dieser Therapie drastisch verbessert bis zu dem Punkt, wo viele Patienten geheilt werden können, doch die Kosten sind auf 100000 Dollar in die Höhe geschnellt. Das heißt: Auch der Gesundheitssektor wird wie viele andere Branche auch verstärkt unter Preisdruck geraten, vor allem, was die Medikamentenhersteller anbelangt.


FONDS exklusiv: Besteht auch in den USA die Gefahr von Preiskontrollen bei Medikamenten?

V.T.: Immer weniger Patienten können sich eine adäquate medizinische Therapie leisten. Längerfristig können wir uns eine Reform des Preismechanismus vorstellen, immer im Zusammenhang mit dem Nutzen der jeweiligen Therapie. Probleme werden jedenfalls jene Unternehmen bekommen, die sich zu wenig auf den Faktor Innovation konzentriert und sich auf Preiserhöhungen verlassen haben. Auch viele Distributoren des Healthcare-Sektors, also reine Vertriebsunternehmen wie etwa Apotheken und Drogerien könnten davon negativ betroffen sein. Wir setzen daher auf Healthcare-Unternehmen, die ein positives Ökosystem geschaffen haben: Mit Medikamenten, die dem System helfen, die Kosten zu senken und durch neuartige Wirkmechanismen auch bessere Therapien für die Patienten bringen. Unternehmen, die durch Großübernahmen ihren Verschuldungsgrad erhöhen und auf Kosten der Profitabilität wachsen wollen, meiden wir. Neben innovativen Medikamentenentwicklern haben wir uns zuletzt immer stärker auf Unternehmen fokussiert, die minimal-invasive Operationsmethoden oder neue diagnostische Verfahren entwickeln.

FONDS exklusiv: Wie funktionieren ihr Investmentansatz und Anlageprozess?

V.T.: Im Gegensatz zu vielen Investoren, die versuchen, über die Prognose von klinischen Studienergebnissen die zukünftigen Umsätze und Gewinne von Healthcare-Unternehmen und deren Gewinnmultiples abzuschätzen, ziehen wir als Indikatoren für zukünftige Performance vorwiegend profitabilitätsorientierte Kennzahlen vor, etwa den Ertrag auf das eingesetzte Investmentkapital (ROIC) oder die Rate der Reinvestitionen. Der ROIC wird als fundamentales Analysetool für die Geschäftsentwicklung von Unternehmen unterschätzt. Unsere Favoriten werden hinsichtlich dieser Kennzahlen oft vom Markt als zu niedrig eingestuft. Zudem verfolgen wir einen holistischen, das heißt ganzheitlichen Ansatz- wir betrachten den Gesundheitssektor nicht auf einzelne Segmente fokussiert, wie etwa auf Medikamentenentwickler, Medizintechniker oder Vertriebsfirmen, sondern in seiner Gesamtheit. Ein standardisierter Prozess, der die Fundamentaldaten eines Unternehmens in ihrer Gesamtheit erfasst und sektorunabhängig bewertet, kann unserer Ansicht nach besser erfolgreiche Investments im Healthcare-Universum identifizieren, als rein sektorspezifische Ansätze.