Kommentare & Expertenmeinungen | Interview
16.05.2019

Chancen im Nahen Osten und in Afrika

Die gemeinhin mit der Abkürzung MENA (Middle East & Northern Africa) bezeichnete Region bietet risikobewussten Anlegern attraktive Investmentchancen. Erstaunliche Reformprozesse, die Aufnahme in MSCI-Indizes sowie Kapitalzuflüsse aus dem Ausland unterstützen den positiven Trend, wie auch Rémy Marcel, Fondsmanager des Amundi Funds Equity MENA bestätigt.

von Wolfgang Regner

Rémy Marcel, Fondsmanager Amundi

Rémy Marcel, Fondsmanager Amundi

Foto: Amundi

FONDS exklusiv: Welche Länder der MENA-Region favorisieren Sie?

Rémy Marcel: Wir sind den Vereinigten Arabischen Emirate (UAE), Ägypten, Saudi Arabien und Kuwait gegenüber positiv eingestellt. Das zeigen unsere Top-Down-Analysen. Das makroökonomische Umfeld in diesen Ländern verbessert sich stetig, die Regierungen haben begonnen, strukturelle Reformen umzusetzen, wie z.B. die Erdölabhängigkeit zu reduzieren, die Staatshaushalte durch neue Steuern wie die Mehrwertsteuer und Einsparungen zu konsolidieren und ihre Leistungsbilanzen in Ordnung zu bringen. So hat etwa Kuwait einen Budgetüberschuss und eine positive Leistungsbilanz. Ägypten dagegen ist ein spezieller Fall. Das Land hat gut mit dem Internationalen Währungsfonds kooperiert und profitiert von besseren Fundamentaldaten, sinkender Inflation, steigende Fremdwährungsreserven, einer Erholung des Bruttoinlandsproduktes (BIP) und der Verbesserung der Leistungsbilanz. Nach der Revolution des Jahres 2011 hat das 100 Millionen Einwohner zählende Land definitiv einiges an Aufholpotenzial.

FONDS exklusiv: Was spricht grundsätzlich für ein Engagement in der MENA-Region?

R.M.: Unserer Meinung nach lohnt es sich, Engagements in Frontier Markets in ein Schwellenländer-Portfolio einzubeziehen. Sie bieten Zugang zu den kommenden Wachstumsmärkten, die zu gegebener Zeit mit hoher Wahrscheinlichkeit in den MSCI Emerging Markets (EM) Index aufgenommen werden, und bringen zusätzliche Diversifikation in ein breiteres Schwellenländer-portfolio. Aufgrund ihrer geringeren Liquidität im Vergleich zu höher entwickelten Schwellenmärkten wie China oder Indien weisen sie von Natur aus kaum eine Korrelation zu Schwellenländern als Ganzes auf. Allerdings kann das politische und wirtschaftliche Klima dieser Länder volatil sein, sodass jede Veränderung aufmerksam beobachtet werden sollte.

FONDS exklusiv: Und wie sieht es bei den Unternehmen aus?

R.M.: Aus einer Bottom-up Sichtweise zeigen sich Aktien von Unternehmen in Saudi Arabien und Kuwait in einer günstigen Situation, denn es werden nach der Aufnahme in den MSCI EM Index starke Kapitalzuflüsse erwartet. Was die UAE anbelangt, so sind die Bewertungen nach mehreren Quartalen mit einer Underperformance gegenüber dem Index attraktiv geworden- der Immobilien-markt ist wieder stabil und die Konsolidierung des Bankensektors macht gute Fortschritte. Auch die Dividenden, die meist in Währungen ausgeschüttet werden, die an den US-Dollar gekoppelt sind, sind recht lukrativ. Gegenüber Ländern wie Katar, Tunesien, Marokko, dem Libanon, Jordanien und Oman sind wir dagegen vorsichtig eingestellt. Die Bewertungen und Fundamentaldaten sind nicht attraktiv und das geopolitische Umfeld zu risikoreich. Am ehesten könnten wir unsere Meinung gegenüber Katar ändern.

FONDS exklusiv: Doch es gibt doch auch viele Risiken in der MENA-Region.

R.M.: Ja, durchaus, aber das Besondere an der Region MENA ist die Kombination von geopolitischer, religiöser, die Währung und den Rohölpreis betreffender Risiken. Die attraktivsten Möglichkeiten haben wir in Ägypten, Saudi Arabien, den UAE sowie Kuwait identifiziert. Doch auch diese Staaten sind mit großen Herausforderungen konfrontiert. Die demografisch gesehen junge Bevölkerung findet vielfach keine geeigneten Jobs. Die Schaffung neuer Arbeitsplätze ist für das Schicksal dieser Länder definitiv mitentscheidend und das bei vielen arabischen jungen Männern, die sich einen westlichen Lebensstil leisten wollen. Dazu kommt die Notwendigkeit, mehr Frauen in den Arbeitsmarkt zu integrieren und ihnen mehr Unabhängigkeit zuzugestehen. Hierbei macht z.B. Saudi Arabien gute Fortschritte. Die vom Ölpreis abhängigen Staaten müssen ihre Wirtschaft besser diversifizieren. Es gibt zahlreiche Projekte mittels Fotovoltaik Sonnenergie zur Stromerzeugung heranzuziehen. Auf längere Sicht wäre eine Aussöhnung zwischen Sunniten und iranischen Schiiten sehr wichtig.

FONDS exklusiv: Wie kommt es, dass ausgerechnet das erzkonservative, ja fast schon islamistische Saudi Arabien, auf einen Reformkurs einschwenkt?

R.M.: Hintergrund ist das „Saudi Vision 2030“ – bezeichnete Reformprogramm, das mittels Privatisierungen staatliche Vermögenswerte freisetzen soll. Die neue, reformfreudige Regierung strebt nach einer stärkeren Diversifikation der Wirtschaft, um sich von der Abhängigkeit von Rohöl zu lösen. Saudische Versicherungsunternehmen und Banken dürften die Nutznießer eines solchen Schritts sein. Sofern sich die richtigen Gelegenheiten ergeben, könnte Saudi-Arabien im Laufe des Jahres 2019 aus der Anlageperspektive eine Überlegung wert sein. Weiters sehen wir in Saudi Arabien positive demografische Faktoren, laufende soziale und wirtschaftliche Reformen und eine relativ hohe Liquidität des Marktes. An der saudischen Börse („Tadawul“) notieren viele privat geführte Unternehmen, die mittelfristig ein attraktives Wachstum generieren sollten. Auf kürzere Sicht sind wir jedoch stärker bei den größeren Unternehmen gewichtet, besonders bei regierungs-nahmen bzw. staatlich kontrollierten Firmen, da wir stärkeres Kurspotenzial wegen der bald bevorstehenden Aufnahme saudischer Unternehmen in die relevanten Emerging Market Indizes erwarten. Was das Ausmaß der Reformen anbelangt, liegt Saudi Arabien in Führung. So ermöglichen Reformen vielen Frauen den Zugang zum Arbeitsmarkt und die strikte Geschlechtertrennung wird langsam aber sicher zurückgeführt. Saudi Arabien erlebte in den letzten 18 Monaten die radikalsten Wirtschafts- und Kulturreformen in seiner Geschichte. Die Folgen des Abzugs von 1,5 Millionen ausländischen Arbeitnehmern zogen Konsumgüter-Unternehmen in Mitleidenschaft, sind aber nun verkraftet.

FONDS exklusiv: Welche Wirkung werden die Wirtschaftsreformen und damit in Beziehung stehende Börsenreformen haben, und wie hoch ist das Potenzial dieser Reformen für die Entwicklung des Aktienmarktes?

R.M.:
Ich denke, dass man mit Sicherheit behaupten kann, dass noch vor drei Jahren eine überwältigende Mehrheit saudischer Bürger und Bürgerinnen nicht geahnt hätten (bzw. in den meisten Fällen sich nicht einmal erträumt hätten), dass in drei Jahren Frauen Auto fahren würden, Männer und Frauen an den gleichen Tischen in Restaurants essen können, dass es Kinos gibt und Millionen ausländischer Arbeitnehmer das Land verlassen. Damit gibt es nun viele Jobs für arbeitslose junge Männer. Seit dem tiefen Ölpreiseinbruch von 2015 konnte das saudische Haushaltsdefizit auf fünf Prozent des BIPs von über 15 Prozent gesenkt werden. Mit am meisten ausschlaggebend dafür waren ein Abbau der Subventionen bei Treibstoff und Strom und Spesenkürzungen bei Angestellten im öffentlichen Dienst. Bei einer derzeit geringen Staatsverschuldung und einem inzwischen wieder starken Ölpreisumfeld, kann das Haushaltsdefizit jetzt wieder in kontrollierter Manier ausgeglichen und das Augenmerk wieder auf Konjunkturwachstum gelegt werden. Dieser „Saudisierungsprozess“ führte aber auch zu riesigen Marktanteilzuwächsen der jeweils stärksten Unternehmen in verschiedenen Sektoren, da kleinere Unternehmen durch den Exodus vieler Fremdarbeiter stärker in Mitleidenschaft gezogen wurden. Gesundheitsunternehmen profitieren vom Push seitens der Regierung, mehr Privatanbieter zuzulassen. Unterhaltungs- und Freizeitunternehmen genießen weit mehr kulturelle Freiräume als früher (wir haben in das größte privatwirtschaftliche Fitnessstudiounternehmen in Saudi Arabien investiert), und Versicherer müssten von der vorgeschlagenen verpflichtenden KfZ-Versicherung profitieren sowie von Tendenzen zu mehr und mehr Privatkrankenversicherungen.

FONDS exklusiv: Und wie sieht es bei der Börsenreform aus?

R.M.: Neben den Konjunkturaspekten in Saudi-Arabien, ist eine der tragenden Säulen des Nationalen Transformationsprogramms eine Reform des saudischen Aktienmarktes gewesen. Im Anschluss an Fortschritte bei der zugelassenen Quote beim Aktienbesitz von Ausländern, den Abrechnungszyklen und Verwahranforderungen, die allesamt auf internationale Marktstandards angehoben werden, wurde Saudi-Arabien von sowohl FTSE als auch MSCI auf Emerging Market-Status hochgestuft. Die konkrete Aufnahme in beide Indizes findet gerade statt. Die erwarteten Mittelzuflüsse in den Markt für dieses Jahr sind hoch und reichen bis über 60 Milliarden Dollar. Um diese Zahlen im Kontext zu sehen, kann man anführen, dass auf dem gesamten Aktienmarkt derzeit Transaktionen im Umfang von 750 Millionen Dollar pro Tag getätigt werden. Ausländische Portfoliobeteiligungen machen derzeit lediglich zwei Prozent des Marktes aus (etwa 10 Milliarden Dollar), bei weitem weniger als der nächste Emerging Market mit geringer ausländischer Besitzquote, nämlich Katar mit 8,2 Prozent. Angesichts der direkten Beförderung von Saudi-Arabien als nicht-Index-zugehöriger Markt in die EM-Indizes und der jüngsten Veränderungen bei der Obergrenze für ausländischem Aktienbesitz, müssen wir festhalten, dass wir uns bei unseren 30 Jahren mit Erfahrung bei Emerging Markets nicht daran erinnern können, dass es jemals einen derart liquiden Aktienmarkt gab, auf dem ausländische Investoren so unterrepräsentiert waren.

FONDS exklusiv: Gibt es ähnliche Beispiele in der Region?

R.M.: Wir glauben, dass die nächste große „Mittelzufluss-Story“ Kuwait betreffen könnte. Das Land wurde im letzten Jahr von FTSE auf Emerging Market Status hochgestuft. Und wir sind auch überaus zuversichtlich, dass MSCI diesen Juni nachziehen und die Hochstufung dann im Juni 2020 umsetzen wird. Kuwait mit einem pro-Kopf-BIP von über 60.000 US-Dollar wird lediglich aufgrund seiner historisch gesehen sehr schwachen Aktienmarktinfrastruktur als Frontier Market klassifiziert. Im letzten Jahr gab es substantielle börsentechnische Verbesserungen und eine starke Konvergenz hin zu internationalen Standards, auf alle Fälle stark genug, um den Anforderungen des Emerging Market Status von MSCI gerecht zu werden.

FONDS exklusiv: Vorerst bleibt die Gewichtung aber noch gering…

R.M.: Wir schätzen, dass Kuwait etwa 0,60 Prozent des MSCI Emerging Market Index nach seiner Aufnahme ausmachen wird, was passiven Mittelzuflüssen auf den kuwaitischen Markt im Umfang von 2,4 Milliarden Dollar entspricht. Wenn man aufgrund der saudischen Zahlen auch noch Hochrechnungen zu den „aktiven“ Mitteln ermittelt, ergibt das Gesamtzuflüsse für Kuwait von etwa 10 Milliarden Dollar, für einen Markt, auf dem täglich Titel im Umfang von etwa 80 Millionen Dollar gehandelt werden.


FONDS exklusiv: Wie ist es um andere große Länder der arabischen Region bestellt?

R.M.: Die Vereinigten Arabischen Emirate (UAE) haben eine zyklische Wirtschaftsstruktur, die von der Politik der Regierung und dem Immobiliensektor angetrieben wird. Weiters sind wir in Ägypten, Marokko und im Libanon investiert. In der gesamten GCC-Region, den Mitgliedern des Gulf Cooperation Councils, hat sich eine Reformbewegung etabliert, wobei diese vor allem Wirtschaftssektoren betrifft. Am weitesten fortgeschritten sind diese Reformen in den UAE, wo die Limits für ausländisches Eigentum an heimischen Unternehmen angehoben wurden, Erleichterungen für das Tagesgeschäft vieler Unternehmen eingeführt und Energiepreissubventionen gestrichen bzw. reduziert wurden. Auch im Sozialbereich haben die UAE die Nase klar vorn. Das größte geopolitische Risiko sehen wir im Iran, das größte wirtschaftliche Risiko in der Entwicklung des Ölpreises. Was die Corporate Governance anbelangt, so sind gemäß unserer Ansicht die Konfiszierung privaten Eigentums im Konfliktfall, die direkte Preisregulierung und darüber hinaus gehende Einmischungen von Regierungen in die Unternehmen sowie die Einflussnahme auf die Unternehmensstrategie die größten Gefahren für Investoren.