Kommentare & Expertenmeinungen | Interview, Venture Capital
31.01.2018

Bitcoin hat das Potenzial für eine Währung

Nach den atemberaubenden Kursgewinnen einiger Kryptowährungen fragen sich natürlich Anleger wie Investoren, wohin die Reise weiter gehen könnte. Warum etwa der Bitcoin das Zeug zu einer Währung hätte, sollte es gelingen, die Kinderkrankheiten auszumerzen, erklärt Martin Hüfner, Chefvolkswirt bei Assenagon AM.

von Wolfgang Regner

Martin Hüfner, Chefvolkswirt Assenagon AM

Martin Hüfner, Chefvolkswirt Assenagon AM

Foto: Assenagon

FONDS exklusiv: Der Bitcoin und andere Kryptowährungen sind wohl keine echten Währungen im engeren Sinn.

Martin Hüfner: Sie haben recht. Derzeit sind Bitcoin und andere Kryptowährungen kein Geld. Aber sie können eines werden. Eine Währung muss nicht durch Staatsakt entstehen. Wichtig ist nur die Bereitschaft der Menschen, sie als Recheneinheit, Zahlungsmittel und Wertaufbewahrungsmittel zu akzeptieren. Im Augenblick ist das noch nicht der Fall. Das kann sich aber ändern. Nach dem zweiten Weltkrieg war die offizielle Reichsmark keine Währung, weil niemand sie haben wollte. Was die Währung war, mit der man alles kaufen konnte, waren amerikanische Zigaretten, die eigentlich gar nichts mit Währung zu tun hatten.

FONDS exklusiv: Wo liegen die Grenzen des Bitcoin?

M.H.: Die Grenzen liegen in der Akzeptanz der Währung bei den Menschen. Im Augenblick reden viele über Bitcoin und wie viel Geld man damit verdienen kann. Aber als Währung wird sie nur von sehr wenigen benutzt.

FONDS exklusiv: Wo bleiben die Wertaufbewahrungsfunktion und die Zahlungsfunktion? Würden die Preise in Bitcoin ausgewiesen, würde niemand mehr irgendetwas kaufen. Denn die Preise würden bei einem gut funktionieren Bitcoin ja ständig fallen (wenn das "Geld" wertvoller wird). Das heißt, der Bitcoin kann wegen der extremen Kursausschläge nicht zuverlässig anzeigen, wie wertvoll eine Ware ist.

M.H.: Da bin ich nicht so pessimistisch. Für Zahlungszwecke kann man Bitcoin derzeit schon nutzen. Es gibt z. B. Kreditkarten auf Bitcoin. Für Zahlungszwecke ist Bitcoin besonders gut geeignet. Denn Geld kann schnell und kostengünstig transferiert werden (jedenfalls im Prinzip), die Zahlungen sind fälschungssicher, man braucht keinen teuren und vielleicht intransparenten Intermediär (wie eine Bank). Wo das Problem liegt ist in der mangelnden Liquidität des Bitcoin-Marktes und den hohen Preisschwankungen. Wer will schon Bitcoin für Zahlungszwecke vorhalten, wenn der Preis so stark schwankt.

FONDS exklusiv: Wird die Geldfunktion der Kryptowährungen längerfristig nicht erfüllt, entfällt praktisch die Daseinsberechtigung und die Gebilde fallen zusammen wie ein Kartenhaus.

M.H.: Das kann sein, muss aber nicht so sein. Wenn sich Bitcoin (oder andere Kryptowährungen) nicht generell als Währung etablieren, müssen sie nicht generell verfallen. Sie können sich zum Beispiel in Nischen etablieren, zum Beispiel im internationalen Zahlungsverkehr oder in bestimmten Regionen. Es gibt auch heute neben den offiziellen Währungen Nischenwährungen, zum Beispiel den sogenannten „Chiemgauer“ in Teilen Bayerns. Wichtig ist nur, dass ihn die Menschen akzeptieren. Daran mangelt es beim Bitcoin derzeit.

FONDS exklusiv: Dabei denkt die EU schon über eine Steuer auf Kryptowährungen nach…

M.H.: Dass die EU den Markt gerne regulieren würde, kann ich mir vorstellen. Etwas mehr Regulierung könnte auch im Sinne der Bitcoin-Verfechter sein, um die Akzeptanz ihrer Währung zu erhöhen. Es darf aber nicht zu viel Regulierung sein. Wenn Bitcoin wie der Euro reguliert wird, verliert er seine Daseinsberechtigung (insbesondere wenn man die Blockchain-Technik auch für Euros verwenden kann).

FONDS exklusiv: Spiegelt der Kursverlauf der Kryptowährungen den Protest vieler Menschen gegen die offiziellen Währungen und das Misstrauen gegenüber Geldpolitik der staatlichen Notenbanken wider?

M.H.: Die Preissprünge drücken keinen Protest aus. Sie ergeben sich am Markt, weil es zu wenig Liquidität gibt. Richtig ist aber, dass die Attraktivität von Bitcoin auch daher rührt, dass die Menschen Vertrauen in die amtlichen Währungen verlieren. Es gibt immer mehr Menschen, die mit den FIAT-Währungen (also Euro, Dollar, u.a.) nicht mehr zufrieden sind und ihnen nicht mehr trauen.

FONDS exklusiv: Zudem ist der Bitcoin zu 40 Prozent in der Hand von Großinvestoren, die sich jederzeit absprechen können…

M.H.: Das halte ich für ein Gerücht. Wir wissen, dass Russland und China viel mit Bitcoin zu tun haben, wir wissen aber nicht genau, wie viele sie besitzen. Das ist genau das Problem. Der Markt ist intransparent. Niemand weiß, wo die Bitcoins liegen und wer den Markt beeinflussen kann. Deshalb rate ich jedem, mit Investitionen in Bitcoin vorsichtig zu sein. Man kann die Risiken bei Bitcoin nicht abschätzen.

FONDS exklusiv: Würden Sie sagen, dass der Bitcoin-Boom zu absurden Bewertungen geführt hat? Der Gesamtwert der bisher geförderten Bitcoin ist in der Spitze auf fast 300 Milliarden US-Dollar gestiegen. Mit dieser Summe können Sie am Aktienmarkt ganz einfach ein Dutzend Dax-Konzerne kaufen.

M.H.: Die Gesamtsumme von 300 Milliarden Dollar macht mir derzeit keine Sorgen. Es sind gerade mal zwei Prozent der Euro-Geldmenge. Das ist ein Klacks. Ich habe daher heute auch noch keine Angst vor einem Crash bei Bitcoins. Was mir Sorgen macht, sind die starken Schwankungen und damit verbunden das immense Wachstum. Bei dem Wachstum könnte es eines Tages schon dazu kommen, dass der Bitcoin gesamtwirtschaftlich ernst genommen werden muss. Man sollte sich also schon mit dem Bitcoin beschäftigen.

FONDS exklusiv: Aktuell lebt das Bitcoin-System davon, dass die Nachfrage größer als das Angebot ist. War das nicht auch am Neuen Markt der Jahre 1998 bis 2000 ähnlich?

M.H.: Die Blase des Neuen Marktes hatte schon Ähnlichkeiten. Ich würde als Analogie aber eher die berühmte Tulpen-Krise im 16. Jahrhundert in den Niederlanden nehmen. Klar ist in jedem Fall, dass die Nachfrage nach Bitcoin in den letzten Monaten größer war als das Angebot, sonst wären die Preise nicht gestiegen. Zuletzt war es etwas anders, als die Preise stark gefallen sind.

FONDS exklusiv: Auch eine Investitionsfunktion ist zumindest derzeit kaum denkbar, da es keinen fundamental berechenbaren Wert gibt, ist zwischen 0 und 1 Million US-Dollar problemlos jeder Preis denkbar. Ist der Bitcoin daher aktuell nicht ein reines Spekulationsgeschäft?

M.H: Vollkommen richtig. Die meisten, die heute an dem Markt tätig sind, investieren nicht, sondern spekulieren. Es gibt aber auch welche, die dunkle Geschäfte machen. Das diskreditiert den Bitcoin-Markt. Wer will schon als Geldanleger mit illegalen Geschäften in Verbindung gebracht werden.

FONDS exklusiv: Steckt dennoch ein legitimer Sinn hinter dem Ganzen? Z.B. bargeldloser Zahlungsverkehr ohne die Abhängigkeit und Aufsicht durch Banken und Behörden.

M.H.: Bitcoin ist von der Konstruktion eine geniale Erfindung: ein Zahlungsmittel ohne Intermediär, schnell und fälschungssicher. Zudem ist die Menge beschränkt, so dass es keine Inflation geben kann. Das könnte unser ganzes Finanzsystem auf den Kopf stellen und effizienter machen. Wir bräuchten keine Banken, keine Börsen, keine Clearingstellen etc. mehr. Das wäre toll, wenn es nicht die erwähnten Schwachpunkte gäbe. Es wäre des Schweißes der Edlen wert, über einen Bitcoin oder eine andere Kryptowährung nachzudenken, die all die Schwachpunkte nicht hätte.

FONDS exklusiv: Kryptowährungen sind frei von politischen Einflüssen und inflationssicher, da sie nur begrenzt verfügbar sind. Einer der Hauptvorteile?

M.H.: Sie haben völlig recht. Spekulativ ist allerdings nicht der Kurs der Währung, spekulativ sind die Anleger, die auf einen höheren Kurs hoffen. Der Kurs selbst ist ganz wertneutral ein Preis, der sich aus Angebot und Nachfrage ergibt. Einen objektiven Wert des Bitcoin, der sich aus fundamentalen Faktoren berechnen ließe, gibt es allerdings nicht. Doch ich sehe ein Problem in der Vereinnahmung der Kryptowährungen durch Spekulanten: Dies schadet dem Ziel einer freien Währung, die Dollar und Euro einmal Konkurrenz machen könnte.

FONDS exklusiv: In einigen Ländern haben sich Kryptowährungen mittlerweile zu einer ernstzunehmenden Zahlungsalternative entwickelt. Jedoch haben diese Länder mit Softwarefehlern oder Manipulation durch Organisationen in Bezug auf Datendiebstahl, sowie Beeinflussung der Kurse zu kämpfen.

M.H.: Das ist der Grund, weshalb ein bisschen Regulierung dem Bitcoin-Markt nicht weh tun würde. Sie wären für die Menschen vertrauensbildend. Darüber denken die Zentralbanken, soweit ich weiß, auch nach. Man darf nur nicht zu viel regulieren. Dann gingen die Vorteile von Bitcoin verloren.

FONDS exklusiv: Der Computer-Riese Dell hat Bitcoin-Zahlungen wegen geringer Nachfrage längst wieder abgeschafft. Auch im Microsoft-Store wird das Digitalgeld einem Sprecher zufolge schon seit geraumer Zeit nicht mehr angenommen. Bei Ebay hüllt man sich über Bitcoin-Pläne in Schweigen, auch Ex-Tochter Paypal gibt keine Auskunft zu Krypto-Experimenten. Der Time-Verlag wollte sich zu seinen Erfahrungen mit Bitcoin ebenfalls nicht äußern. Was soll die Geheimniskrämerei?

M.H: Das zeigt, wie sehr sich diese Firmen mit Bitcoin beschäftigen. Jeder findet Bitcoin interessant und bereitet sich auf den Tag vor, an dem Bitcoin seine Kinderkrankheiten vielleicht überwindet und sich doch stärker durchsetzt. Aber im Augenblick ist Bitcoin noch nicht interessant.

FONDS exklusiv: Es laufen auch Anstrengungen, etwa durch Erkennungssoftware (sogenannte Deep Packet Inspection) Blockchain-Transaktionen aus dem Internetverkehr herauszufiltern und damit entsprechende Geschäfte zu blockieren. China exerziert dies gerade vor.

M.H: Da werden wir noch viele solcher Dinge sehen. Sie alle laufen unter der Überschrift: Vertrauen in den Bitcoin zu schaffen. Dabei wird sicher auch immer wieder über das Ziel hinausgeschossen.

FONDS exklusiv: Werden Kryptowährungen letztlich obsolet, weil Notenbanken und Geschäftsbanken ihre Zahlungsverkehrssysteme modernisieren und für dematerialisierte globale Werttransfers öffnen?

M.H.: Aus meiner Sicht liegt das Problem nicht in technischen Weiterentwicklungen und Modernisierungen der Zahlungsverkehrssysteme. Die gibt es und da werden wir noch viel sehen. Ich kenne keine Bank oder keine Zentralbank, die sich nicht mit der Blockchain-Technik befasst. Das eigentliche Problem der Zentralbanken liegt darin, das Vertrauen der Menschen in die Währung herzustellen. Die Renaissance der österreichischen Schule in der Wirtschaftswissenschaft mit den Bemühungen zur Einführung von Privatgeld (in welcher Form auch immer) hat viel damit zu tun, dass die Menschen durch die Aufblähung der weltweiten Liquidität und die Nullzinsen das Vertrauen in die Währung verloren haben. Wenn man das Vertrauen nicht wiedergewinnt, dann wird der Trend zu alternativen Währungen weitergehen.