Kommentare & Expertenmeinungen | Interview
08.05.2018

Asien wird strukturell outperformen

Unter den Aktienfonds hatten in diesem Jahr nur wenige Gattungen die Nase im positiven Bereich. Dies gilt auch für Asienfonds, wenn auch vorerst nur in geringem Ausmaß. Seinen Investmentcase für den Kontinent, seine Fondsmanagement-Strategie sowie den Ausblick erläutert Soo Nam Ng, Co-Lead Portfolio Manager des Columbia Threadneedle Asian Contrarian Equity Fund.

von Wolfgang Regner

Soo Nam Ng, Fondsmanager Columbia Threadneedle

Soo Nam Ng, Fondsmanager Columbia Threadneedle

Foto: Columbia Threadneedle

FONDS exklusiv: Wie sieht für Sie die fundamentale Basis für einen weiteren Aktienaufschwung in Asien aus?

Soo Nam Ng: Eine wichtige Frage ist natürlich, ob sich das hohe fundamentale Wirtschaftswachstum auch in den Aktienerträgen widerspiegelt. Es wäre nicht der erste Fall, wenn z.B. China diese Übersetzung nicht gelingt. Diesmal war dies, also die Widerspiegelung der Gewinne, zumindest in den letzten beiden Jahren, sehr wohl so. Allerdings sind die Unternehmensgewinne entscheidend für die Börsenperformance. So gesehen funktioniert die Transformation von operativen Gewinnen in höhere Börsenkurse deutlich besser. Weitere entscheidende Punkte beim größten Land Ostasiens sind die Reduktion der notleidenden Kredite. Denn hier wurde in den letzten Jahren eine regelrechte Blase aufgebaut. Die Staatsbanken wurden dazu angehalten, günstige Kredite an die oft wenig profitablen Staatsunternehmen (SOE) zu vergeben- und zwar oft in US-Dollar. Damit hatte man alle Risiken bei einem Kredit- auch das der Fremdwährung, im SOE-Sektor konzentriert.

FONDS exklusiv: Wie groß ist die Blase, die von einigen Finanzexperten in China geortet wird, tatsächlich?

S.N.: Am Höhepunkt sah es tatsächlich etwas bedenklich aus, der Leverage lag über 200 Prozent des Bruttoinlandsprodukts. Doch seit über einem Jahr steuert die Regierung gegen die weitere Ausweitung der Verschuldung. Seither ist das Ratio der notleidenden Kredite zwar noch immer zweistellig, aber nur mehr leicht über zehn Prozent. Dass staatliche Behörden Staatsbanken mehr oder weniger dazu auffordern, billige Kredite an operativ schwache Staatsunternehmen zu vergeben, die dann früher oder später notleidend werden und durch ihre Denomination in US-Dollar noch ein erhebliches Währungsrisiko in sich bergen, ist definitiv vorbei.

FONDS exklusiv: Was hat sich bei der Finanzmarkt- und Unternehmensreform getan?

S.N.: Seit einiger Zeit hat sich einiges zum Positiven geändert. Die notleidenden Kredite haben einen Abbauprozess begonnen, und die SOE haben ihre Profitabilität gesteigert. Ja, es ist in vielen Fällen so, dass die SOE profitabler geworden sind, als Unternehmen der sogenannten „Chinese New Economy“, bisher ein besonders attraktives Unternehmenssegment bei Privatunternehmen. Die Banken können jetzt selbst entscheiden, ob sie Kredite vergeben, dazu kommt eine Anti-Korruptionskampagne (seit 2014 im Gang, bisher wurden über 100000 Regierungsbeamte verurteilt) in den SOE mit der Einführung strikter Corporate Governance mit einer klaren Zuordnung der innerbetrieblichen Verantwortlichkeiten. Zweitens wurde damit begonnen, die zum Teil hohen Überkapazitäten im SOE-Bereich zurückzufahren. Die Kosten wurden gekürzt und weniger Investitionskapital verschwendet. Dem Privatsektor gelingt es oft nicht, trotz des positiven Wachstumsszenarios die Profite bei den Anlegern ankommen zu lassen- etwa wegen starker Lohnzuwächse.

FONDS exklusiv: Was ist vom neuen starken Mann Chinas, Xi Jinping zu erwarten?

S.N.: Seit Xi Jinpings Machtübernahme liegt der Fokus auf nachhaltigem- nicht dem größtmöglichen Wachstum. Dazu kommt eine angebotsorientierte Wirtschaftspolitik (vor allem zugunsten der Unternehmen- etwa durch niedrigere Steuern oder den Abbau von Regulationen, wodurch der Wirtschaftsmotor, die Investitionen, angekurbelt werden), die dem Erzkapitalisten Ronald Reagan alle Ehre gemacht hätte. Das Rebalancing-Projekt für die chinesische Wirtschaft, also die Förderung des Konsums (macht bereits 60 Prozent des Bruttoinlandsproduktes aus) läuft weiterhin nach Plan- der Privatkonsum machte zuletzt schon 4,1 Prozent des Gesamtwachstums Chinas von 6,9 Prozent aus. Auffallend auch, dass China gar nicht so sehr auf den Export angewiesen ist, ebenso ein Ziel der Regierung. Von 2009 bis 2012 sanken die Exporte Chinas- dennoch hielt sich das Wachstum bei 6,8 Prozent. Und der Handelsstreit mit den USA? US-Zölle werden China nur am Rand treffen. Die Wirtschaft wird von Unternehmen dominiert, die stark binnenmarktorientiert sind, die von den Wachstumseffekten im Inland profitieren. Auch viele chinesische Global Players werden darunter nur wenig zu leiden haben. Zudem ist China wie schon gesagt nicht mehr so stark vom Export abhängig. Und China hat Gegenmaßnahmen gestartet: Präsident Xi sagte vor einigen Wochen, dass China seine Zölle senken und die Wirtschaft weiter öffnen wolle (vor allem bei Banken und Automobilen) sowie den beiderseitigen Schutz geistigen Eigentums verbessern wolle. Dazu kommen Mega-Infrastruktur-projekte wie die „Neue Seidenstraße“, zum Teil finanziert von der Asian Development Bank, Asiens Währungsfonds nach dem Muster des Internationalen Währungsfonds und der Weltbank. China exportiert „New Economy“-Potenzial, etwa durch Alibabas Investment in Lazada, der Nummer Eins im Retail E-Commerce in Südostasien (in Indonesien, Malaysia, den Philippinen, Singapur, Thailand und Vietnam) mit über 160000 angeschlossenen Einzelhändlern.

FONDS exklusiv: Was spricht neben China für ein Engagement in Asien?

S.N.: Über China hinaus entwickelt sich der gesamte asiatische Kontinent so stark wie seit sieben Jahren nicht mehr. So stiegen die Prognosen für das Wachstum der Unternehmensgewinne gegen Ende 2017 auf 23 Prozent- am Beginn des Jahres lagen die Forecasts bei nur 12,8 Prozent. 2018 wird ein Gewinnwachstum von 12 Prozent erwartet, wobei der zyklische Sektor besonders stark abschneiden sollte. Dennoch ist der Aufschwung auf einer breiten Basis abgestützt und die Profitabilität (ROE = Eigenkapitalrendite) im Aufwärtstrend. Auch Asien befindet sich ein einem Transformationsprozess. Die größten Makrothemen sind die Urbanisierung, der stark wachsende Konsum der Mittelschicht, die Förderung der „grünen“ Energiequellen Wind und Solarparks, angebotsorientierte Reformen sowie Verbesserungen im Gesundheitswesen. Bei den Mikrothemen dominieren der Ausbau der Profitabilität, der Fokus auf Gewinnmargen und dem Cash Flow und nicht allein auf dem Umsatz, und zunehmende Innovation. Damit sinken die Risiken für Anleger, da Wachstum und Aufschwung robuster werden. In Asien profitieren davon unter anderen die Versicherungen, Markenprodukte des Lifestyle-Segments, der Technologiesektor mit seinen China-Riesen Alibaba, Baidu und Tencent sowie der Tourismus. Ein Hauptrisiko bleiben mögliche Zinserhöhungen, da viele asiatische Notenbanken der US-FED folgen.

FONDS exklusiv: Dazu kommen noch günstige Bewertungen, oder?

S.N.: Das stimmt- so handelt der MSCI Asia Pacific ex Japan-Index mit einem KGV 2019 von 11,8. Selbst die Technologieriesen wie Alibaba oder Tencent handeln mit einem 2019er KGV von nur rund 26.

FONDS exklusiv: Wie sieht Ihre Investmentstrategie aus?

S.N.: Der Columbia Threadneedle Asian Contrarian Equity hat Finanzwerte und Technologie (in China gibt es keine Google, kein Facebook oder Amazon, dafür einheimische Player wie Alibaba und Wechat) übergewichtet, auf Länderbasis China, Hongkong und Singapur. Versicherungen profitieren gleich mehrfach: Von den Trends zum Mittelklassekonsum sowie zur Urbanisierung. Untergewichtet sind Telekom, Healthcare, Industrie und Immobilien, bzw. Taiwan, Indien und Australien. Besonders China ist interessant, da chinesische Unternehmen gerade dabei sind, die restliche Märkte Asiens erschließen. Nachteil sind aktuell die hohen Rohstoffpreise- China ist der größte Nettoimporteur von Materialien der Welt.

FONDS exklusiv: Wie läuft der Investmentprozess ab?

S.N.: Der Fonds strebt Anlagen in ein Portfolio fundamental gesunder Gesellschaften an, die ihre Erträge im Laufe der Zeit steigern. Unterstützend wird eine Einstiegsstrategie gegen den Trend verfolgt, die Preisschwächen ausnutzen soll, die wir für kurzfristig halten und von temporär negativen Faktoren verursacht werden. Das Team nutzt die unternehmensweite Research-Plattform, um seine Top-down-Standpunkte in einem Set positiver Themen innerhalb jedes Landes und Sektors zusammenzustellen. Dieses wird mit aktienspezifischen Einschätzungen verbunden, indem Gesellschaften mit starken Wettbewerbsvorteilen innerhalb der bevorzugten Themen identifiziert werden, die die Kandidaten für die Zusammenstellung des Portfolios bilden. Die Wahl des richtigen Zeitpunkts für die endgültige Aufnahme in das Portfolio wird durch ein konträres Prüfverfahren zur Auswahl der besten Kaufgelegenheiten unterstützt. Unser Ansatz basiert auf unserer Ansicht, dass Aktienmärkte kurzfristig ineffizient sein können, wobei Preise oft von unmittelbaren Ereignissen oder Sentimentfaktoren geleitet werden. Dies schafft das Potenzial für Volatilität und Fehlbewertungen von Aktien. Wenn sich emotionale Faktoren beruhigen und fundamentale Faktoren betrachtet und verdaut werden, können Aktien eine Neubewertung in einer Richtung erfahren, die ihren Fundamentaldaten entspricht, wodurch das Potenzial für signifikante Preisanstiege entsteht. Zu Aktien, die wahrscheinlich gekauft werden, zählen auch jene Aktien, bei denen über die nächsten 12 Monate wahrscheinlich Preiskatalysatoren auftauchen. Auf diese Weise versuchen wir, „Value-Fallen“ zu vermeiden und zu gewährleisten, dass das Portfolio für die mittel-bis langfristige fundamentale Qualität seiner Positionen kontinuierlich belohnt wird.